Von Dieter Buhl

Nach der Wende nun der Wechsel? Was immer hinter diesen beiden konkurrierenden Begriffen stecken mag, sie werden uns auf jeden Fall bis zur Bundestagswahl begleiten. Die innenpolitische Alternative hat ihre einprägsamen Stichworte gefunden. Jetzt fragt sich nur noch, was sie bedeuten. Wohin die Wende führen kann, läßt sich, ob mit Sorge oder Ungeduld, nach fast vier Jahren Kohl-Regierung immerhin erahnen. Für den jetzt von der SPD proklamierten Wechsel hingegen fehlen nicht nur wichtige Wegweiser, er erscheint auch in weiter Ferne.

Die Sozialdemokraten haben sich in Nürnberg dennoch mit Elan zu ihrem weitgesteckten Ziel aufgemacht. Ihre sommerlichen Depressionen sind, vornehmlich dank des guten Seelendoktors Rau, weitgehend überwunden, und ihr Parteitag versprach zur Halbzeit, mit einem Gewinn an Selbstvertrauen zu enden. Das war nach den Rückschlägen der vergangenen Wochen keine Selbstverständlichkeit. Sogar Wohlmeinende hatten sich schließlich gefragt, ob die SPD ihr Stimmungstief noch überwinden und ihre Reihen schließen könnte. Beides ist der Partei (bis auf weiteres?) gelungen. Sie hat bewiesen, daß enttäuschende Meinungsumfragen nicht automatisch Mutlosigkeit und innerparteiliche Meinungsvielfalt nicht unbedingt offenen Streit provozieren müssen.

Am wohlsten aber hat den Sozialdemokraten der Auftritt ihres Spitzenkandidaten getan. Wie viele unter ihnen mögen in letzter Zeit seine Befähigung angezweifelt, wieviele vor seiner Rede den Atem angehalten haben? Rau hat sie in Nürnberg davon überzeugt, daß er die richtige Wahl gewesen ist. Er appellierte an Herz und Hirn seiner Genossen, und er trat als ein Bannerträger auf, bei dem sich Sensibilität mit Entschlossenheit paart. Auch dem "Auftrag der SPD", wie ihn Rau definierte, kann die Sozialdemokratie folgen, denn bei aller persönlichen Handschrift des ersten Mannes entspricht er letztlich einem mühsam erwogenen Kompromiß zwischen rechts und links.

Die Sozialdemokraten haben eine Hürde genommen, aber das Ringen um die Wählergunst fängt jetzt erst richtig an. Das schwerste Handicap der SPD im Wahlkampf – von der undankbaren Rolle des Herausforderers aus der Opposition ganz abgesehen – zeichnet sich schon ab. Es liegt nicht nur in der Ungewißheit über ihre innere Balance – dem Austarieren zwischen linken und rechten Positionen, zwischen Idealisten und Pragmatikern, zwischen Anhängern und Gegnern der rot-grünen Zusammenarbeit. Der Zwiespalt, der die Wähler stören wird, geht tiefer. Er manifestiert sich im Anspruch einer Partei, die dem Wahlvolk Fürsorge verspricht, ohne deutlich Leistung zu verlangen, die Solidarität der Bürger zum obersten Gebot erhebt, doch den Gedanken an den lebensnotwendigen Wettbewerb am liebsten verdrängen möchte.

Die Forderung nach mehr sozialer Gerechtigkeit ehrt die Sozialdemokratie. Nur, wer soll sie bezahlen? Gerade Wähler der "fortschrittlichen Mitte", die die SPD anpeilt, werden diese Frage stellen. Der technisch-wissenschaftlichen Intelligenz und den "unternehmenden Unternehmern", von der SPD direkter umworben als je zuvor, mag manches sozialdemokratische Gedankengut gefallen. Die Selbstbehauptung gegenüber Amerika oder die Gleichstellung der Geschlechter werden diese Wählergruppen unterstützen. Möglicherweise beeindruckt sie auch das mutige Eintreten für Demonstranten- und Asylantenrechte. Was aber sollen die Aufsteiger vom Ausbau des Sozialstaates und von neuen Ergänzungsabgaben halten, wo sie schon jetzt zu Recht unter dem staatlichen Moloch stöhnen?

Das Dilemma der SPD offenbart sich auch in ihrem Spitzenkandidaten. Johannes Rau ist ohne Zweifel ein glänzender Wahlkämpfer und ein liberaler, mitleidsfähiger, versöhnlicher Politiker obendrein. Bloß Schweiß oder gar Tränen hat er bisher von niemandem verlangt. Dabei wissen die Wähler längst, was auf sie zukommt – ob Wende oder Wechsel: Daß der Wandel von der Industriezur Dienstleistungsgesellschaft wie die Gleichstellung der Frau oder die ökologische Erneuerung in unserem Lande Lernfähigkeit und Opferbereitschaft von beinahe allen verlangen wird.

Trotz programmatischer Unterlassungssünden hat die SPD Anlaß zur Erleichterung. Wenn sie die Aufbruchsstimmung nach der Rau-Rede pflegen, und bei ihrem Wahl-Parteitag im Oktober bestätigen kann, bietet sie weniger Angriffsflächen als erwartet. Die Summe der Mehrheiten – von den Kernkraftgegnern über die Befürworter der Abrüstung bis zu den Verteidigern der Bürgerfreiheiten – welche die Sozialdemokratie auf ihrer Seite wähnt, wird sich zwar kaum zum Machtgewinn in Bonn addieren. So wie die Partei sich in Nürnberg präsentierte, bleibt sie aber ein politischer Faktor, mit dem zu rechnen ist.