/ Von Manfred Sack

Was wäre die Demokratie ohne Subjekte? Niemals hätte eine jahrzehntelang rüde demolierte Stadt wie Salzburg auf einmal die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, wenn es dort nicht immer mehr aufsässige Bürger gegeben und wenn sie es nicht fertiggebracht hätten, eine Stadtpartei zu gründen, vor allem: wenn sie nicht den Versicherungsangestellten Johannes Voggenhuber für den Posten eines Stadtrates gehabt hätten, der ihnen nach ihrem erstaunlichen Wahlerfolg 1982 zugefallen war. Was sich in den drei, vier Jahren seither in der Festspielstadt entwickelt und verändert hat, was sein Initiator selbstbewußt, auch stolz und zugleich bescheiden "Das Salzburg-Projekt" nennt, ist zumindest in Europa ohnegleichen. Es ist der Anspruch, nicht nur Architektur und Städtebau schlechthin, sondern die Qualität ihrer Gestaltung – also: der Stadt als Lebensraum – zum Gegenstand der Politik zu machen. Bis zum 30. September wird den Bürgern im alten Stadtkino vor Augen geführt, was in Gang gebracht, versucht, sogar erreicht worden ist: die ersten Ergebnisse der "Salzburger Architekturreform 1983-1986".

Schon nach wenigen Sätzen des Baustadtrats glaubt man zu wissen, warum sich die bürgerlichen Politiker gleich zweimal über die "Grünen" geirrt haben. Das eine Mal, weil sie annahmen, daß der Wahlerfolg der Bürgerliste zwar überraschend, aber einer sicherlich vorübergehenden Protestlaune mehrerer Salzburger zuzuschreiben sei. Das andere Mal, als sie glaubten, daß ein besonders boshafter Einfall genüge, damit sich die Störung ihrer politischen Gewohnheiten durch den Stadtrats-Neuling Voggenhuber in spätestens einem Jahr von selber erledigen werde. Grimmig hatten sie ihm ein übervolles Ressort aufgeladen. Zu seinem Amtsbereich gehört ja nicht nur die Baubehörde mit ihren Unterabteilungen, sondern auch die Stadtplanung, der Verkehr, der Umweltschutz, das Gewerbe- und das Marktamt, obendrein das Amt für öffentliche Ordnung. Wohl war der Neue in derlei Geschäften unerfahren; aber er hat in den Protestjahren der Bürgerinitiativen gelernt zu argumentieren, sich durchzusetzen und, was nicht weniger wichtig ist, Prügel zu ertragen und sich dagegen zu wehren: aufrecht zu bleiben.

Und ein neugieriger Mann ist er, der mit einer Unbefangenheit an die Arbeit geht, die seine Kollegen in der Salzburger Stadtregierung längst verloren haben. Was er denkt, sagt er gerade heraus, was "nicht geht", versucht er – er hat viel Phantasie; seine undiplomatische Direktheit kompensiert er mit Zuversicht, Überzeugungskraft, vor allem: mit politischem Eros. Er ist tatendurstig, er arbeitet bewußt ohne Netz – und nun hat er, zu mancher Leute Verblüffung, großen Erfolg.

Wahrscheinlich erklären den auch zwei andere Züge, die man an ihm erkennt. Der eine: er ist, was man einen Kavalier nennt. Als wir die Straße entlangeilten und dabei eine Treppe hinuntersprangen, entdeckte er eine junge Frau mit einem Kinderwagen, und schon half er ihr die Stufen hinauf. Ich bin überzeugt, daß er es instinktiv getan hat, unberechnend, und daß die Frau nicht wußte, wer ihr Helfer war. Der andere Zug: er weiß, wofür er ficht. Er hat nicht nur ein Faible für Architektur entwickelt, er kennt sich auch aus. Die Architekten, mit denen er zu tun hat, sprechen mit Achtung von dem Wissen, das er sich peu à peu zusammengelesen und -gesehen hat, von Palladio bis in die Gegenwart, die Salzburger Baugeschichte und ihr italienisches Temperament inklusive.

Der Wiener Professor Friedrich Achleitner, zum Beispiel, ist beeindruckt von Voggenhubers "großem Gespür für architektonische Qualität". Im Gestaltungsbeirat, den er sich als sein Hauptinstrument berufen hat, habe er noch niemals einen "leichter durchsetzbaren" Kompromiß verlangt, er vertraut dem Urteil seiner Berater: "Wenn Sie meinen, das müsse so sein, dann ist es in Ordnung" – er wird alles daransetzen, es politisch durchzusetzen. Es gibt überhaupt keinen Zweifel: ohne diesen Bau- und Planungs-Stadtrat gäbe es keine Aussicht auf eine bessere Architektur in Salzburg, obendrein eine, die im internationalen Vergleich Bestand hätte. "Wenn Architektur ein Ausdruck der Gesellschaft ist", sagt er, "dann war die Gesellschaft in Salzburg niemals so scheußlich wie in den vergangenen dreißig, vierzig Jahren". Er war, selbstverständlich, ein Mitglied dieser von Interessengruppen beherrschten Gesellschaft, bis ihn und viele andere "die innere konsumistische und spekulative Aushöhlung, die geradezu nekrophile Selbstzerstörung Salzburgs", einer doch in den zwanziger Jahren zum europäischen Gesamtkunstwerk geadelten Stadt, aufzuregen begannen.

Die ersten zornigen Proteste hatten sich in den sechziger Jahren gegen den monströsen Entwurf des Neubaus gerichtet, der später – modifiziert – am barocken Mirabellgarten für das Mozarteum errichtet worden ist. 1965 veröffentlichte der Kunsthistoriker Hans Sedlmayr seinen berühmten "Aufruf zur Rettung der Altstadt Salzburgs", eine Broschüre mit dem Titel "Die demolierte Schönheit". Zur nämlichen Zeit etwa hatte der Architekt Wilhelm Holzbauer kritische "Gedanken zur Salzburger Stadtplanung" niedergeschrieben – über Salzburg, die Schöne, "eingebettet zwischen den beiden Stadtbergen, ein architektonisches Gesamtkunstwerk in der Aufeinanderfolge wunderbarer Plätze und Gassen" – und über Salzburg, die Häßliche, die "Agglomeration von ungegliederten Bauten, ohne jede Beziehung zueinander und zur Stadt, große Aussatzflecken bildend, die das Land vereitern und den Zugang zur Stadt trostlos, häßlich und enttäuschend machen". Noch das Stadtentwicklungsmodell von 1970 enthielt eine Mammutsiedlung für 37 000 Menschen in der unmerklich fein komponierten Ebene, die sich südlich der Festung Hohensalzburg ausbreitet. Im selben Jahr wetterte Sedlmayr dann gegen den Ausverkauf der Salzburger Landschaft: "Die ’Große Landzerstörung‘ ist zugleich eine ’Große Stadtzerstörung’." Man wußte auch von Salzburger Architekten, die sich an Grundstücksverkäufer hängten und ihnen gegen das Versprechen, das Äußerste an zulässiger Nutzung, also an Rendite herauszuholen, ihre Dienste aufdrängten. Und von Großunternehmern, die wußten, wie man sich in der Stadt breitmacht.