Amerika befindet sich im Steuer-Fieber. Zeitungen und Fernsehsender, Steuerberater und Ökonomie-Professoren wetteifern darin, normalen Bürgern und Finanzmanagern eine Frage zu beantworten: Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer der großen Steuerreform, die jetzt in greifbare Nähe gerückt ist. Denn wenn erwartungsgemäß Mitte September die beiden Häuser des Kongresses dem Kompromiß zustimmen, der in einer Art Vermittlungsausschuß am vergangenen Wochenende erzielt wurde, dann werden die Amerikaner vom Beginn des kommenden Jahres an in einer völlig veränderten Steuer-Landschaft leben.

Wenn das "Wunder" (Time Magazine) wahr wird, ist jeder amerikanische Steuerzahler "fundamental" (International Herald Tribune) betroffen: Großverdiener aller Couleur von Industrieerben bis zum Filmstar können ihre Einkommensteuer nicht mehr durch trickreiche Ausnutzung von Schlupflöchern minimieren, Unternehmen müssen ihre gesamten Investitionen neu kalkulieren, weil der zehnprozentige Steuererlaß dafür ersatzlos entfällt, Privatpersonen haben neue Steuerbedingungen bei der Altersversorgung, bei der Finanzierung von Häusern, Autos und dem Urlaub zu bedenken, und sechs Millionen Amerikaner zusätzlich werden überhaupt keine Bundes-Einkommensteuer mehr zu zahlen haben. Kaum eine steuerliche Spielregel bleibt, wie sie war.

"Einen Triumph für die Amerikaner und das amerikanische System, gut für die Wirtschaft und gut für den Steuerzahler", kommentierte Präsident Ronald Reagan die Arbeit der Abgeordneten, obwohl sie längst nicht alle Ideen Reagans in ihr Kompromißpaket aufgenommen haben. Für Reagan ist die Steuerreform das Hauptziel seiner zweiten Amtsperiode. Er erhofft davon vor allem größeres Wirtschaftswachstum und forderte nun prompt alle westlichen Industrienationen auf, dem Beispiel der Vereinigten Staaten zu folgen und ebenfalls Steuerreformen in die Wege zu leiten, um so "diese Revolution der Hoffnung und der Möglichkeiten um den ganzen Erdball zu tragen und eine starke, gesunde und wachsende Weltwirtschaft zu schaffen".

Die großen Worte Reagans werden verständlicher angesichts der breiten Zustimmung, teilweise Euphorie, die die nahe Verabschiedung des Steuerreformpakets in den Vereinigten Staaten ausgelöst hat.

Der angepeilte Wandel der Eckdaten ist eindrucksvoll: Der Spitzensatz für natürliche Personen wird beinahe halbiert und zwar von jetzt 50 auf 28 Prozent gekappt. Daneben gibt es nur einen einzigen weiteren Steuersatz, nämlich 15 Prozent, der für mehr als achtzig Prozent der amerikanischen Steuerbürger gelten soll. Bisher existieren vierzehn Steuerklassen von elf bis 50 Prozent. Für Unternehmen wird der Spitzensatz einheitlich von 46 auf 34 Prozent gesenkt. Trotz dieser Radikal-Operation soll die Reform alles in allem für dieselbe Summe Dollars in den staatlichen Kassen sorgen, also aufkommensneutral sein. Um dieses Ziel zu erreichen, strichen die Reformer im großen Stil Ausnahmeregelungen und Abzugsmöglichkeiten, Ihr Motto: Einfacher ist gerechter. Und: Verdienen soll wieder Spaß bringen, nicht das Steuer-Vermeiden.

Die Unternehmen insgesamt werden dabei stärker als bisher belastet. In den ersten fünf Jahren bis 1991 sollen sie 120 Milliarden Dollar mehr zahlen, die natürlichen Personen etwa dieselbe Summe weniger, was durchschnittlich eine Steuerentlastung von 6,1 Prozent ergibt. Doch für den Einzelnen kann durchaus eine saftige Steuererhöhung herauskommen. Vor allem Amerikaner, die von ihrem Kapital – und meist nicht schlecht – leben, müssen damit rechnen. Denn Kapitaleinkünfte wie Zinsen sind derzeit zu 60 Prozent von der Steuer befreit. Kommt die Reform, müssen sie voll versteuert werden.

Heinz Blüthmann