Von Ernst Hess

Eigentlich ist St-Tropez eine erzbürgerliche, erzfranzösische Kleinstadt. Wenn die Flut der Fremden fort ist, tauchen die Angler mit Ruten, Ködern und Eimern auf, vertreiben die Kitschhändler und Schnellmaler von ihren Stammplätzen an der Hafenmole und starren geduldig auf die Schnur im Brackwasser. Madame mit Lockenwicklern feilscht um den Tomatenpreis, Monsieur im schwarzen Barett transportiert, die kalte Gitanes im Mundwinkel, zwei Weißbrotstangen auf seiner Solex. Der Bankschalter für Eurocheques hat nur noch eine Stunde am Tag geöffnet, und am Denkmal des großen Suffren treffen sich wieder die herrenlosen Hunde der Stadt.

Nein, St-Tropez ist kein verlassener Rummelplatz, wenn die Touristenhorden endlich verschwunden sind. Gesichtslose Betonsilos mit geschlossenen Fenstern gibt es nicht. Fast übergangslos wird aus dem internationalen Narrentreiben schläfrige Provinz, deren Charme unbestreitbar ist. Unglaublich, daß sich noch wenige Tage zuvor die Blechlawinen durch die engen Seitenstraßen zum Plage de Tahiti wälzten, wo man vielleicht am augenfälligsten begreift, wie eng Triumph und Tragik beieinanderliegen. Nirgendwo sind die Klassenunterschiede so brutal: Wer nicht jung und schön ist, gehört zu den Verlierern, mag er sich auch noch so rabiat entkleiden. Nur außerordentlicher Reichtum oder zynischer Witz helfen gegen Cellulitis und fortgeschrittene Kahlköpfigkeit. Mancher rettet sich vor dem optischen Fallbeil auf seine Jacht, versteckt die Figur hinter Bergen von Gladiolen oder den breiten Schultern der weißgekleideten Crew. Daß die Bucht zwischen Cap du Pinet und Cap Camarat immer mehr zur Kloake verkommt, hängt irgendwie auch mit dem hoffungslosen Kampf des Alters gegen die Jugend zusammen. Ungeniert werden die Abwässer der Boote ins Meer verklappt, Rache der Reichen an den makellosen Nackten am Strand, die das Privileg der späteren Geburt wie einen Orden zur Schau tragen. Das kann einem den Urlaub an der Côte d’Azur schon ein wenig vergällen, wenn man im gleichen Sand wie weiland Brigitte Bardot liegt und dennoch behandelt wird wie ein im Spätsommer angekarrter Bustourist.

Nun ist das Paradies gottlob nicht auf die ohnehin restlos überlaufene Küste beschränkt. Schon wenige Kilometer landeinwärts endet die mediterrane Reeperbahn, bleiben die Geschwüre der Campingplätze zurück. Bis Gassin oder Grimaud kommt nur ganz selten das untrügliche Gemisch aus Sonnenöl und Abwasser – „goût de vacances“, wie die Einheimischen geringschätzig sagen. Dafür Pinienduft und Zikadengesang satt, Katzen hinter blinden Fenstern, an denen der Wind vom Massif des Maures vergeblich rüttelt. Matisse, Braque und Dufy haben hier gemalt, vor schäbigen Bistros den Pastis geschlurft und dem Klacken der Boule-Kugeln gelauscht.

Graue, altrosa Dörfer, mit Dächern aus runden Ziegeln, mit kantigen Glockentürmen und schattigen Plätzen: Ramatuelle ist so ein liebenswertes Nest, nur einen Steinwurf vom Plage de Pampelonne entfernt und doch schon tiefe Provinz. Um die Mittagszeit sind die engen Gassen wie ausgestorben, die Fensterläden verschlossen. Auch wenn sie nicht mit der Gießkanne auf dem Weg zum Friedhof sind, tragen die älteren Frauen schwarze Kleider und*selbst im Sommer die unvermeidliche Stola aus grober Wolle. Fast unglaublich, daß nur wenige Kilometer entfernt am Strand andere auch die letzten Hüllen fallen lassen. Gérard Philips bat man hier begraben, den Filmliebling der fünfziger und sechziger Jahre, gleich hinter der alten Kirche. Meist liegen frische Blumen auf seinem Grab, über Mangel an Verehrerinnen muß Sich „Fanfan der Husar“ auch nach seinem frühen Tod weiß Gott nicht beklagen.

Wie Gassin oder La Garde Freinet war Ramatuelle einst sarazenische Festung, galt lange als uneinnehmbar und ist heute ein friedliches Dorf mit steilen Gassen und Treppen. Von der Terrasse vor der Kirche schickte man beim Herannahen der Seeräuber Leuchtsignale nach Grimaud, von wo sie landeinwärts weitergeleitet wurden. Heute warnt niemand mehr die Bewohner, wenn Scharen halbnackter Holländer über die kleinen Gasthöfe herfallen, ebenso vergeblich wie ultimativ „Heineken Beer“ verlangen und ihre Enttäuschung sodann im Rose ertränken.

Von Gérard Philipe wissen sie nichts, auch nichts von Gibelin de Grimaldi, der sich erfolgreich mit den Sarazenen schlug und dafür ein Dorf erhielt, dem er seinen Namen gab. Die Burgruine von Grimaud ist nicht die einzige Erinnerung an den alten Haudegen. Zwei monegassische Prinzessinnen aus dem Hause Grimaldi sind mindestens ebenso attraktive Wahrzeichen der Côte d’Azur wie Gibelins ausgebranntes Adlernest hoch über dem Golf von St-Tropez. Nur wird man sie in den Dörfern hinter der geschundenen Küste vergeblich suchen. Caroline in Cogolin, Stephanie im Maquis des Esterel? Undenkbar.