Von Walter Schwarz

Ein ausgeräumter Speisesaal in einem hochmodernen Turmhotel einer großen Stadt in Nordafrika. Eine lange, üppig beladene Buffet-Tafel nimmt die Mitte des Saals ein. Viele Menschen stehen in Gruppen herum. Sie sind teils formell, teils sehr leger gekleidet. Jeans, Pullover mit schreienden Farben und Turnschuhe sind keine Ausnahme. Geraume Zeit zögert jedermann, sich das gesellschaftliche Stigma aufzuladen, vor aller Augen als erster das Buffet anzusteuern. Dann aber siegt die Natur und die lockende Pracht auf den Tischen. Auf ein unhörbares Kommando setzt sich die Masse in Bewegung. Das Buffet wird gestürmt. In kürzester Zeit ist es kahl. Heuschrecken könnten es nicht schneller schaffen.

Der Kongreß behandelt ein Thema aus dem Bereich der Aggression. Ihr soeben manifestiertes aggressives Verhalten ficht die Teilnehmer nicht an. Sie fühlen sich nach einer mehrstündigen Eröffnungszeremonie mit musikalischer Umrahmung als Opfer und legitimiert zur Stärkung.

Die Zahl der Glückwunschbotschafter ist groß. Die Notabeln pochen auf ihr Recht. Die nationalen, regionalen, lokalen und berufsständischen Würdenträger marschieren auf. Simultandolmetscher treten in Aktion. Ihre Leistungen scheinen nicht zu befriedigen, denn viele legen enttäuscht die Kopfhörer wieder weg, was den Vorsitzenden zu einer Rüge veranlaßt.

Die Ehrengäste versichern sich ihrer gegenseitigen Bewunderung, man tauscht Bruderküsse. Ein Asiate ergeht sich in Anekdoten und findet keinen passenden Schluß. Die wachsende Unruhe im Saal pariert er mit der Feststellung, daß seine Frau ihn leider nicht auf die Reise habe begleiten können – sie trete ihn sonst in die Hinterseite, wenn er gar nicht zum Ende kommen wolle. Das Publikum ist entwaffnet und quittiert mit Applaus. Als die Musik verstummt, entlädt sich die spürbare Erleichterung in prasselndem Beifall.

Die Thematik ist verlockend und vielseitig. Der Rahmen spannt sich vom Genozid bis zur Kindesmißhandlung. Fast alle Schrecknisse dieser Welt können dabei zur Sprache gebracht werden. Weit über hundert Redner beschreiben die Heerschau des Elends, klagen an, fordern Abhilfe. Die Veranstaltungen finden in großem Rahmen („keynote address“) statt oder in „Workshops“.

Die aktiven wie auch die passiven Teilnehmer entstammen zumeist dem Hochschulbereich. Die Prominenten kennen sich persönlich oder als vielzitierte Autoren. Die Atmosphäre ist locker, die Kontakte sind oder scheinen leicht. Jedermann ist von der Notwendigkeit, hier müsse geholfen werden, durchdrungen. Aber nicht jeder weiß, wie man das anfängt. Die Mehrheit wähnt, mit Deklarationen und Deklamationen sei es getan. Im Bereich der Naturwissenschaften kann dies nicht geschehen. Hier wird geforscht und nicht bewegt.