Von Ulrich Greiner

Kein Intellektueller, vor allem keiner, der sich auf die Standhaftigkeit seiner Überzeugung etwas zugute hält, gibt es gerne zu: Auch Meinungen unterliegen Moden. Sie wechseln nicht so schnell wie die Frühjahrsmode, ihre Zyklen beschreiben größere Bögen, aber auf dem Markt des Zeitgeistes gibt es ebensolche Konjunkturen wie anderswo.

Die Konjunktur neokonservativen Denkens in den Vereinigten Staaten zum Beispiel verdankt sich nicht nur massiven Verschiebungen im gesellschaftlichen Gefüge, sondern sie ist auch eine Mode. Die Neokonservativen, die fast alle in frühen Jahren links und später liberal gewesen waren, entdeckten den Neuigkeitsreiz konservativer Denkmuster. Die sozialstaatlichen Wohlfahrtsprogramme der Demokraten hatten den erhofften Erfolg nicht gehabt, die Gesellschaftstheorien der liberalen Denker hatten an Attraktion verloren. Nummehr wirkte es origineller und zeitgemäßer; antikommunistisch zu sein und für ein starkes, bis an die Zähne bewaffnetes Amerika zu plädieren.

Natürlich ist der Ausdruck "intellektuelle Mode" unfreundlich, ebensogut könnte man von einem "Paradigmenwechsel" sprechen, oder einfach davon, daß bestimmte Denkweisen historisch obsolet geworden waren. Wie auch immer: In Amerika (und nicht nur dort) hatte und hat das neokonservative Denken Konjunktur.

Es gibt Anzeichen dafür, daß diese Konjunktur ihren Zenit überschritten hat. Eines dieser Anzeichen ist die Gründung einer linken jüdischen Vierteljahresschrift mit dem Titel Tikkun. Das ist ein hebräisches Wort und bedeutet: die Welt verändern, heilen, verbessern. Der Chefredakteur der neuen Zeitschrift, Michael Lerner, schreibt im Leitartikel der eben erschienenen ersten Ausgabe: "Der umfassende Traum von der Veränderung und Heilung der Welt, der Glaube, daß Frieden und Gerechtigkeit nicht für den Himmel gedacht, sondern irdische Notwendigkeiten sind, für die gekämpft werden muß, das ist die besondere kulturelle und religiöse Tradition der Juden."

Unglücklicherweise jedoch, so fährt Lerner fort, hätten in den letzten Dekaden konservative Juden, unter dem falschen Anspruch, für alle Juden zu reden, das gegenwärtige Amerika gefeiert, als wäre es die Verkörperung des messianischen Zeitalters. Die jüdische Zeitschrift Commentary, ursprünglich eine Stimme liberalen und progressiven Denkens, sei ein führendes Organ der Neokonservativen geworden. "Mit langweiliger Vorhersagbarkeit erfüllt Norman Podhoretz den monatlichen Auftrag der jüdischen Intellektuellen, indem er, wild aufs Prestige, jeden Schritt, den die Reagan-Regierung sich ausdenken könnte, gutheißt. Dabei vergessen die Führer der jüdischen Organisationen die zutiefst antisemitische Bedeutung von Präsident Reagans Reise nach Bitburg und seiner Äußerung, die SS sei ebenso Opfer wie jene, die sie ermordete, und sie lassen es zu, vom Präsidenten für die Unterstützung seiner außenpolitischen Ziele mißbraucht zu werden, die die meisten Amerikaner ablehnen."

Die Gegner von Tikkun sind klar. Aber was will Tikkun außerdem? Die Struktur der gegenwärtigen politischen Debatte, sagt Lerner, zwinge scheinbar zur Wahl zwischen repressivem Staatssozialismus und amerikanischem Liberalismus. Diese Wahl erkennt Lerner nicht an. Denn der Liberalismus habe sich zum bloßen Materialismus verkehrt. "Die Wettbewerbsgesellschaft, die Philosophie des Individualismus, die wirtschaftlichen Strukturen, die den Krieg aller gegen alle fördern – das sind inakzeptable Perversionen menschlicher Möglichkeiten."