Es erscheint einigermaßen tollkühn, wenn ein kommerzieller Buchverlag drei Jahre nach der einschlägigen Bücherschwemme des Lutherjahres 1983 eine neue oder doch als Neuerscheinung zu begreifende Biographie des deutschen Reformators auf den Markt tut:

Rudolf Thiel: Martin Luther. Ketzer von Gottes Gnaden. Biographie; Paul Neff Verlag, Wien 1986; 743 S., 38,– DM.

Das Buch ist runde sechzig Jahre alt. Der Verfasser, ein respektierlicher Wissenschaftspublizist, starb im Jahre 1981. Sein Luther-Buch wurde 1933 und 1935 in Berlin verlegt, also mitten im Taumel der braungefärbten deutschnationalen Aufbruchsstimmung, die sich unter anderem gern auf Martin Luther als einen geistigen Ahnen berief. Wie hat sich, im Lichte inzwischen gehabter Erfahrungen, ein Buch gehalten, das sich, so oder so, zu seinem damaligen geistigen Umfeld ins Benehmen setzen mußte?

Es liest sich recht gut. Es bedient sich einer Methode, die zuerst in Frankreich populär wurde und dann von einer großen deutschen Taschenbuch-Monographien-Reihe übernommen wurde: man druckt vorzüglich Selbstzeugnisse. Luthers Prosa bleibt allemal ein Lesevergnügen, in ihrer drastischen Sinnlichkeit und Bildkraft. Der kommentierende Autor ließ sich von diesem Duktus anstecken. Er schrieb anschaulich, spannend, mit stilistischem Ehrgeiz.

Auch am Inhalt ist, bedenkt man die Entstehungszeit, wenig auszusetzen. Der Held wird nicht unkritisch gesehen. Seine charakterliche Sperrigkeit, seine gelegentliche Unberechenbarkeit wird nicht unterschlagen. Phänomene wie die Täuferbewegung, die Konflikte mit den anderen Reformatoren werden angemessen vorgeführt. Das Thomas-Müntzer-Porträt ist erstaunlich ausführlich und positiv. Käthe, die Domina, Luthers Frau, wird ein bißchen stiefmütterlich bedacht, doch keineswegs verzeichnet.

Der Antisemit Martin Luther findet überhaupt nicht statt; auf die berüchtigte Juden-Schrift wird nicht eingegangen. Sofern hier keine nachträglichen Streichungen vorgenommen wurden, ist zu sagen, daß dies die nobelste Haltung war, die sich zu jener Zeit bei einem solchen Gegenstande überhaupt einnehmen ließ.

Rolf Schneider