Wir leiden unter einer Krise, die für Entwicklungsländer einmalig ist“, klagt Liang Kuo-Shu. Tatsächlich sind die Sorgen des Chefs der taiwanesischen Chang Hwa Commercial Bank alles andere als typisch für ein Land der Dritten Welt: Taiwan wird nicht durch ein Zuwenig, sondern durch ein Zuviel an Geld geplagt. „Welches Land hat Banken, die keine Depositen mehr wollen?“, fragte das Wall Street Journal seine Leser. Die Antwort: Taiwan.

Vorbei sind die Zeiten, als Bankier Liang seine Mitarbeiter anhielt, jede größere Kontoeröffnung durch einen Hausbesuch samt Präsent zu honorieren. Heute würde er lieber Kontoauflösungen prämieren. Aber seine Kunden schleppen weiter Geld an, lassen sich durch Minizinsen und schlechte Konditionen nicht abschrecken. „Wir suchen verzweifelt nach Anlagemöglichkeiten für die uns anvertrauten Gelder“, meint Liang resignierend.

Im vergangenen Jahr wuchsen die Spareinlagen bei Taiwans Privatbanken um satte 23 Prozent, die Kredite aber nur um 6,4 Prozent. Die Wurzel des unwillkommenen Überflusses der Inselchinesen: dramatisch wachsende Devisenreserven, die Taiwan gemeinsam mit veralteten Kapitalmarktstrukturen und zögernder Investitionsbereitschaft einen Liquiditätsüberhang gigantischen Ausmaßes beschert haben.

Ende 1982 wies Taiwans Zentralbank Gold- und Devisenreserven von 9,1 Milliarden US-Dollar aus. Drei Jahre später waren die Reserven bereits auf 22,5 Milliarden Dollar gestiegen und erreichten Ende Juni dieses Jahres 33 Milliarden Dollar. Worauf jedes Land stolz wäre, schockt die Taiwanesen: Sie hatten damit den Gold- und Devisenhort der Notenbank in Tokio überrundet und lagen weltweit hinter der Bundesrepublik auf Rang zwei. Hält der Geldsegen an, dann sitzt die Zentralbank in Taipeh zum Jahresende auf einem Reservepolster von etwa vierzig Milliarden Dollar und auf Weltrang eins vor der Frankfurter Bundesbank.

Notenbankreserven dieser Größenordnung sprengen alle gesamtwirtschaftlichen Proportionen des 19-Millionen-Volkes. Schon heute könnten damit 23 Monate lang die Importe der Insel bezahlt werden – international als wünschenswert gilt eine Importreichweite von drei Monaten. Die Devisenschwemme erreicht nicht nur einen für die Stabilität der Inselwirtschaft prekären Pegelstand, sondern droht Taiwan nun auch stärker ins Zentrum des Handelskonfliktes der USA mit den Staaten in Fernost zu befördern. Denn Taiwans schwellende Handelsüberschüsse mit den USA bilden die Quelle des Überflusses.

Im vergangenen Jahr erwirtschafteten die Insulaner mit ihrem wichtigsten Handelspartner einen Überschluß von 13,1 Milliarden Dollar. Das ist nicht nur das Dreifache gegenüber dem 4,5 Milliarden Dollar großen Saldo 1982, sondern auch weit mehr als das Doppelte des zweimal so großen südkoreanischen Rivalen. Die Einseitigkeit im amerikanisch-taiwanesischen Handel dürfte weiter wachsen. Denn durch die Talfahrt des amerikanischen Dollars mögen zwar japanische und deutsche Exporteure in Schwierigkeiten geraten, nicht aber taiwanesische. Ganz im Gegenteil: Da Taiwans NT-Dollar an die amerikanische Währung gekoppelt ist, erhöht der niedrige Dollarkurs automatisch auch die Wettbewerbschancen der fleißigen Exporteure Taiwans.

Daß die Exporterfolge im Lande nicht als eitel Freude betrachtet werden, dafür sorgt vor allem ein Kapitalmarkt, der auf den gewaltigen Anstieg der Außenhandelserträge nicht vorbereitet ist. „Die Festungsmentalität“, die die in Hongkong erscheinende Far Eastern Economic Review bei Taipehs Finanzstrategen ausmacht, verhindert, daß die vielen Devisen der Inselwirtschaft zum Segen gereichen.