Modell Nr. 1: Die Zeitung eines autoritären Landes, in der nur geschrieben wird, was die Regierung will, und in der die Meinung des Chefs die Meinung der Redakteure bestimmt („Manchmal lese ich den Leitartikel in meiner Zeitung, um zu wissen, was mein Chef von der Sache hält und was daher meine ehrliche und spontane politische Überzeugung sein muß“ – Pitigrilli, zwanziger Jahre). Modell Nr. 2: Die demokratische Zeitung, in der man Dissens äußern kann.

Vor einigen Wochen stand im Corriere della sera ein Leitartikel von Piero Ostellino, dem Chef des Blattes, in dem er bestimmte Meinungen über die siebziger Jahre äußerte. Daraufhin schickte der Kolumnist De Rita einen Artikel, in dem er schrieb, wenn Übereinstimmung mit den Ansichten des Direktors die Bedingung für die Mitarbeit an einer Zeitung wäre, müßte er auf der Stelle kündigen. Dann formulierte er seinen Dissens und wurde gedruckt. In den nächsten Tagen folgten diverse Artikel anderer Kommentatoren. Es war ein exemplarischer Fall von demokratischer Debatte. Ich möchte nicht mißverstanden werden, ich meine das hier nicht ironisch. Wenn ich Ostellino gewesen wäre, hätte ich De Ritas Artikel gedruckt, und wenn ich De Rita gewesen wäre, hätte ich die Pressefreiheit genutzt, um meinen Dissens auszudrücken. Ich spreche von einem System, das ich billige und das meine Zustimmung findet.

Die Leitartikel von Giovanni Valentini, dem Herausgeber des Espresso, lese ich stets mit Interesse und finde sie abgewogen. Aber wenn ich in einer Streichholzheftklappennotiz behaupten wollte, daß Valentini Schwachsinn verzapft, würde er mich sofort drucken. Nicht weil er überzeugt wäre, daß ich recht hätte und er unrecht, sondern weil er seine Moral als Herausgeber mit einer liberalen Haltung festigen würde. Ich bin froh, daß ich nicht in Moskau lebe und schreibe.

Dennoch empfinde ich ein gewisses Unbehagen, das ich nicht genau definieren kann. Der Mensch hat angesichts der Probleme des Lebens den Wunsch, sofort zu wissen, ob sie schwarz oder weiß sind. Muß ich bremsen, wenn ich auf der Autobahn einen Lastzug vor mir habe, oder kann ich mit Vollgas weiterrasen? Wir sind überzeugt, daß in solchen Fällen die Wahrheit schwarz oder weiß ist. Aber das gesamte abendländische Wissen lehrt uns (und das ist seine Größe), daß es nie reine Schwarzweiß-Situationen gibt. Alles ist, in verschiedenen Abstufungen, grau. Wenn man aus den platonischen Dialogen (und der sokratischen Methode) etwas lernen muß, dann dies. Weisheit ist begreifen, daß man nicht weiß, ob etwas schwarz oder weiß ist.

Allerdings wurden die Dialoge Platons von einer Minderheit gelesen, und die Leser der Zeitungen sind eine Mehrheit. Und diese Mehrheit wüßte gern, ob die Dinge schwarz oder weiß sind. Wie tröstlich waren die fünfziger Jahre! Wer damals L’Unità las, erfuhr, daß die fragliche Sache weiß (oder rot) war, und wer II Popolo las, erfuhr, daß sie schwarz (oder weiß) war. Man wußte, was man zu denken hatte.

Heute, wo die Zeitungen widersprüchliche Meinungen drucken, besteht die Gefahr, daß die Leser sich nicht mehr dafür interessieren, ob etwas schwarz oder weiß ist. Man denke nur an den Unterschied zwischen einer Diskussion all’italiana und einer nach amerikanischem Brauch. Die Italiener unterbrechen sich gegenseitig, jeder ereifert sich und versucht, die eigene Meinung durchzusetzen, indem er den anderen am Sprechen hindert und ihm beweist, daß er ein Faschist beziehungsweise ein Kommunist ist. Die Amerikaner sprechen der Reihe nach (nicht zufällig ist die sprachpragmatische Theorie der „conversation turns“ in den Vereinigten Staaten entstanden, und die italienischen Forscher, die Aufsätze über dieses Thema schreiben, behandeln es wie ein Fundstück vom Mars), jeder trägt seine Meinung vor und sagt zum anderen (den er für einen Idioten hält): „Ich verstehe durchaus Ihren Standpunkt ...“ Schlag neun hören alle auf und gehen nach Hause.

Welche Lösung ist demokratischer? Ich würde mir wünschen, daß alle Italiener lernten, wie die Amerikaner zu diskutieren, aber daß auch die Amerikaner ein bißchen lernten, wie die Italiener zu diskutieren. Und was machen wir mit der Presse? Ich wiederhole, wenn ich wählen muß, bin ich für das Modell Nr. 2. Aber ich fürchte, es taugt nur für eine Minderheit. Ich bin nicht so paternalistisch zu meinen, die Mehrheit müsse mit dem Modell Nr. 1 abgespeist werden. Also was nun? Das Ganze ist ein Problem der Erziehung, der Schulung, ein langwieriger Prozeß. Ich betreibe hier keineswegs Xenophilie: Der amerikanische Durchschnittsbürger, gewöhnt an wohlerzogenen Dissens, glaubt an nichts mehr. Was mir vorschwebt, ist ein Bürger, der, zum Dissens erzogen, gelernt hat, die Zeitungen als Meinungsträger zu behandeln, nicht als Quellen der Wahrheit, und der mit dem eigenen Kopf zu denken versteht. Ich glaube, es wird noch Jahrhunderte dauern, bis die Menschheit sich an die Einsicht gewöhnt, daß schwarz und weiß nicht in der Natur vorkommen und daß die ganze Welt eine Palette von Grautönen ist.

Aus dem Italienischen übersetzt von Burkhart Kroeber, Copyright: L’Espresso.