München

Da bleiben wir ganz hart, da gibt es keine Ausnahme, auch wenn man sich beim Direktor und noch höher beschwert“, sagt die Beraterin beim Münchner Arbeitsamt, und ihre Stimme läßt keinen Zweifel daran, daß der Direktor sich auf seine Mitarbeiterin verlassen kann. „Für solche Leute haben wir keine Vermittlungsmöglichkeiten. “

Zu „solchen Leuten“ gehört die Sozialpädagogin Liane Spiegelberg, die gleich nach ihrem Studienabschluß vor eineinhalb Jahren arbeitslos wurde. Die 25jährige Münchnerin hat sich beschwert. Nicht beim Arbeitsamtsdirektor. Aber in einem namentlich gezeichneten Brief an die vier Münchner Stadtratsfraktionen, in dem sie ihre „unglaublich absurden Erfahrungen mit dem Münchner Arbeitsamt“ schildert. Soviel Mut ist selten bei Arbeitslosen, die sonst lieber still und unauffällig bleiben um ihre Chancen nicht noch weiter zu schmälern.

Liane Spiegelberg tat genau das, was Politiker von Arbeitslosen immer wieder fordern: Sie wurde selbst aktiv. Als sie nach einigen Besuchen beim Arbeitsamt das Gefühl hatte, „daß ich da in irgendeiner Kartei verschwinde und es ganz hoffnungslos ist, jemals ein Angebot zu bekommen“, suchte sie sich einen Job als Erziehungsbeistand, arbeitete für wenig Geld als Kinderbetreuerin bei einem Spielprojekt. Per Zufall, erfuhr sie Anfang des Jahres, das Diakonische Werk in Fürstenfeldbruck suche für eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) eine arbeitslose Sozialpädagogin. In einem Neubaustadtteil sollte eine „Elternschule“ eingerichtet werden, eine Anlaufstelle mit Beratungs- und Betreuungsangeboten für junge Väter und Mütter. Es war Liebe auf den ersten Blick. „Meine Traumstelle“, sagt Liane Spiegelberg. „Familientherapie war mein Studienschwerpunkt. Alles paßte genau.“ Das fanden auch die Mitarbeiter des Diakonischen Werkes; und nach einem Bewerbungsgespräch bekam die Münchnerin postwendend die Nachricht, man freue sich, mitteilen zu können, daß die Wahl auf sie gefallen sei, „vorbehaltlich der Genehmigung der ABM durch das Arbeitsamt“; doch darüber brauche sie sich keine Sorgen zu machen.

Der Vorbehalt wurde zum Stolperstein. Die Sozialpädagogin könne nicht vermittelt werden, teilte das Arbeitsamt mit, sie sei noch nicht lange genug arbeitssuchend gemeldet. Das Argument erwies sich nach einigen Tagen als glatter Rechenfehler. Dennoch blieb das Arbeitsamt bei der Ablehnung. Die neue Begründung: Die 25jährige sei keine Leistungsbezieherin. Weil die Münchnerin auf kürzestem Wege von der Hochschule zum Arbeitsamt kam, erhält sie keinen Pfennig Arbeitslosengeld oder Arbeitslosenhilfe. Anders als Erwerbslose, die zuvor eine beitragspflichtige Beschäftigung hatten, fällt die Sozialpädagogin der Bundesanstalt in Nürnberg finanziell nicht zur Last. Und so lange genügend Leistungsempfänger zur Verfügung stünden, ließ das Arbeitsamt wissen, hätten diese bei der Vermittlung Priorität.

Das Diakonische Werk fand immer noch, daß Liane Spiegelberg genau die Richtige wäre, schickte die vom Arbeitsamt ausgewählten Bewerberinnen kurzerhand wieder nach Hause und fragte beim Arbeitsamt an, ob nicht doch eine Ausnahmeregelung möglich sei. Zwei Monate dauerte das Hin und Her, schließlich drängte die Zeit, weil eine andere Mitarbeiterin ausschied. Liane Spiegelberg erhielt erneut Post, diesmal mit der Nachricht, man müsse die Zusage leider zurücknehmen.

Formal handelte die Behörde korrekt. In Paragraph 2 der ABM-Anordnung vom 13. Dezember 1984 wird der „Wiedereingliederung“ von Leistungsempfängern Vorrang eingeräumt. Wer noch nie eingegliedert war, hat kaum eine Chance. Es sei denn, er oder sie ist schwerbehindert oder alleinstehender Elternteil.