Von Kurt Gaede

Die Zahl der Verkehrsunfälle mit tödlichem Ausgang nimmt in der Bundesrepublik wieder stark zu. Mit einem Rückgang der Zahl der Verkehrstoten, wie er in den Vorjahren zu verzeichnen gewesen ist, können wir jedenfalls nicht rechnen. Im Gegenteil: 1986 wird es wieder mehr Verkehrstote geben als im vorangegangenen Jahr. Wahrscheinlich wird die Zahl bei etwa 10 000 liegen, womit sich dann die Summe aller Todesopfer auf den Straßen unseres Landes seit dem Zweiten Weltkrieg auf eine halbe Million erhöht haben wird.

An diese Größenordnung haben wir uns anscheinend gewöhnt, und es scheint auch niemanden mehr sonderlich zu stören, daß auf unseren Straßen tagtäglich immer noch durchschnittlich 25 Menschen sterben. Menschliches Leid verschwindet allzu schnell in der Anonymität der Masse, wird in der Statistik zur nackten Zahl und im Sprachgebrauch zum „Unfall“ verdrängt. Dabei handelt es sich strafrechtlich um Tötungsdelikte, durch die Kinder ihre Eltern, Eltern ihre Kinder verlieren, Verwandte, Freunde, Nachbarn, Kollegen aus unserer Mitte herausgerissen werden.

Überzogene Sentimentalität oder Fehleinschätzung der Realitäten in einer Industriegesellschaft? Ich glaube nicht. Zugegeben: Straßenverkehrsunfälle hat es immer gegeben, und sie sind aus unserem Leben auch nicht mehr wegzudenken. Auch Verkehrstote wird es geben, solange Fahrzeuge auf Straßen von Menschen bewegt werden. Als Schutzpolizeibeamter weiß ich aber auch: Verkehrsunfälle werden überwiegend schuldhaft verursacht, und die weitaus größte Zahl aller fahrlässigen Tötungen im Straßenverkehr ist entweder auf Uneinsichtigkeit (Stichwort Alkohol), erhöhte Risikobereitschaft oder mangelndes Gefahrenbewußtsein zurückzuführen. Diese vermeidbaren Unfälle sind das Problem. Auf sie muß sich staatliches und gesellschaftliches Handeln konzentrieren.

Hoffnungen und Erwartungen hierzu wurden geweckt, als die EG-Kommission in Brüssel das Jahr 1986 zum Europäischen Jahr der Straßenverkehrssicherheit proklamierte. Zweifelsohne sollten damit angesichts der jährlich 50 000 Verkehrstoten in der Gemeinschaft Zeichen gesetzt werden. Nun haben wir mit solchen symbolhaften Jahren – erinnert sei an das Jahr der Frau, der Jugend, des Baumes – nicht gerade gute Erfahrungen gemacht. In der Tat sind solche Proklamationen überwiegend allgemeine politische Appelle, deren Umsetzung den Mitgliedstaaten überlassen bleibt. Im Falle einer so komplexen Materie, wie sie der Straßenverkehr nun einmal ist, kann dies nicht viel anders sein, zumal Ausgangslagen, Bedingungen (Straßenverhältnisse, Bevölkerungsstrukturen, Motorisierungsgrad usw.) und Mentalität zwischen Portugal und Norwegen, Schottland und Sizilien sehr unterschiedlich sind.

Andererseits gibt es genug gemeinsame Probleme, die durch internationale Bemühungen verstärkt bewußt gemacht werden können und für die es durchaus übereinstimmende Lösungsansätze gibt. Zum Beispiel:

Alkohol im Straßenverkehr – Einführung eines einheitlichen Promille-Grenzwertes;