Nein, getanzt hat die Zweiundneunzigjährige nicht, aber aufgetreten ist sie doch. Als Martha Graham plötzlich unter den Künstlern ihrer „Dance Company“ steht, erheben sich die Zuschauer in der Alten Oper in Frankfurt. Der Beifall wird zur jubelnden Huldigung einer der großen Gestalten des Modem Dance.

Majestätisch in ihrer zerbrechlichen Grazie steht die Revolutionärin des zeitgenössischen Tanzes neben den athletischen Männern, den hochgewachsenen Frauen ihrer „Dance Company“. An sechs Abenden waren in Frankfurt knapp einundzwanzig Stücke aus dem fast zweihundert Titel umfassenden Katalog der Werke zu sehen, die Graham seit sechzig Jahren erdacht, Choreographien und – bis vor zwanzig Jahren noch – meist auch selber getanzt hat.

Nun arbeitet die am 11. Mai 1894 als Tochter eines Arztes in einem Vorort der Stahl- und Kohle-Stadt Pittsburgh geborene Martha Graham „nur“ noch als Choreographin. Zwei der im Frühjahr uraufgeführten Tänze, reigenartige Tanz-Spiele eher als düstere Tanz-Dramen, wie man sie seit mehr als einem halben Jahrhundert mit dem Namen M. G. verbindet, waren jetzt zum ersten Mal zu sehen, bei dem einzigen Gastspiel der Amerikaner in Deutschland: „Temptations of the Moon“(auf eine Suite von Bartók) und „Tangled Night“ (zu Musik von Klaus Egge).

Wie viele der Zuschauer in Frankfurt waren überhaupt geboren, als Martha Graham am 18. April 1926 im „48th Street Theatre“ in Manhattan mit ihrer Gruppe, die damals schlicht „Martha Graham and Trio“ hieß, zum ersten Mal auftrat? Eines der achtzehn Stücke die da uraufgeführt worden waren, das Solo „Tanagra“ (zur Musik von Erik Satie), wurde für das Gastspiel in Frankfurt ebenso rekonstruiert und wiederaufgenommen wie andere Tanz-Dramen: die Medea-Tragödie „Cave of the Heart“ (1946), „Every Soul is a Circus“ (1939), „Diversion of Angels“ (1948), das in den amerikanischen Süden verlegte Christus-Drama „El Penitente“ (1940) oder das rebellische Hochzeits-Spiel „Appalachian Spring“ (1944).

Die Legende will, daß Martha nicht erst 1926, sondern schon sehr viel früher ihre erste „Performance“ gegeben habe: Die Zweijährige soll, als die fromme Mutter zu lange gebetet hat, ein Seitenschiff der presbyterianischen Kapelle zur Bühne für ihre ersten Tanzschrittchen umfunktioniert haben. Wichtig an dieser Legende ist die Herkunft aus kleinlich religiösen Kreisen, in denen Tanzen als Sünde galt. Früh war der Bewegungsdrang der ältesten von drei Töchtern verbunden mit dem Rebellieren gegen familiäre, bald gesellschaftliche Konventionen.

Dabei ist dieses aufsässige Kind von niemandem stärker geprägt als, wie sie selber einmal sagt, von „Mutter, Vater und Lizzie, meiner Erzieherin.“ Geblieben ist ihr die Erinnerung an das Sprechzimmer des Vaters. Der ließ die Vierjährige durch das Mikroskop schauen, um ihr die verborgene Wirklichkeit zu zeigen und das Kind zu ermahnen: „Du mußt nach der Wahrheit suchen.“ Hat die nach dem verborgenen Leben hinter puritanischen Fassaden suchende Tanzmeisterin in den achtundachtzig Jahren seither anderes getan als die väterliche Maxime zu befolgen?

Ein anderes Ereignis hat sie später selber ihre „erste Tanz-Stunde“ genannt. Der Vater ertappt sie bei einer Lüge. Als das Mädchen fragt, wie er ihr auf die Schliche gekommen sei, erzählt ihr der Doktor-Vater von seinen Patienten, unter denen auch Nerven- und Geistes-Kranke seien. Er habe es sich zur Gewohnheit gemacht, ebensosehr auf deren Bewegungen zu achten wie auf ihre Worte: Bewegungen nämlich könnten nicht lügen. War das nicht die Geburtsstunde der Choreographin und Tanz-Pädagogin, die nach der einzig wahren Bewegung, der richtig sprechenden Geste sucht und faule Ansprüche in der Kunst so abwehrt, daß es Tänzer(innen) gibt, die sich von dieser Erzieherin vernichtet fühlen?