Von Carl Dahlhaus

Sieben Deutsche und ein deutsches Problem“, so lautet der Untertitel der Essaysammlung von Martin Gregor-Dellin. Von dem „deutschen Problem“ ist allerdings eher latent als ausdrücklich die Rede. Es besteht, wenn ich den Autor nicht mißverstehe, vor allem darin, daß uns die politisch Großen unserer Nation, Friedrich der Große oder Bismarck, fragwürdig geworden sind – allerdings läßt das Erscheinen bedeutender Biographien (von Theodor Schieder und Lothar Gall) eine undifferenzierte Skepsis, wie sie eine Zeitlang intellektuelle Mode war, gar nicht mehr zu.

Gregor-Dellin schreibt in –

Martin Gregor-Dellin: „Was ist Größe? – Sieen Deutsche und ein deutsches Problem“; Piper Verlag, München 1985; 262 S., 32,– DM

jedenfalls ausschließlich über Komponisten und Dichter (wenn man Luther, was erlaubt sein dürfte, zu den Dichtern zählt): über Luther, Schütz, Händel, Goethe, Wagner, Brahms und Thomas Mann. (In der Themenwahl, über die man ins Grübeln geraten kann, verbergen sich autobiographische Motive.)

Thomas Mann ist nicht nur Gegenstand des Buches, sondern gehört auch zu dessen Inspiratoren. Denn so beredt und sprachlich differenziert Gregor-Dellin die „Größe der Meister“ rühmt – fast noch mehr ist von den „Leiden“ die Rede, die sie ertragen mußten, gleichgültig, ob selbst verschuldet oder nicht. Und es scheint fast, als seien in einem demokratischen Zeitalter, dem die „Heldenverehrung“ früherer Epochen suspekt geworden ist, die „Leiden“ eine Art Rechtfertigung dafür, von der „Größe“ überhaupt sprechen zu dürfen.

Zu der Last, die getragen werden mußte, gehört auch die Schuld, die Große auf sich luden, und die Schwäche, an der sie krankten. Gregor-Dellin verschweigt – bei Luther oder Wagner – das Erschreckende keineswegs; er ist gerecht, ohne jemals arrogant zu sein und sich zu Urteilen hinreißen zu lassen, die einem Nachgeborenen nicht erlaubt sind. Sein Stil, von humanistischen Traditionen geprägt, gestattet ihm gerade an kritischen Punkten eine Auslegung, deren Wesen in der Kunst besteht, den richtigen Ton zu treffen: einer Kunst, die zugleich und in eins eine Charaktereigenschaft ist. (Als Humanist ist Gregor-Dellin natürlich ein gebildeter Autor; und er rechnet mit gebildeten Lesern, die versteckte und halbe Zitate erkennen und in ihrem Stellenwert einzuschätzen wissen.)