Filmproduzenten träumen nicht. Sie ha-I. ben Besseres zu tun, müssen ständig Schauspielerinnen belästigen, Künstler gängeln, Geld scheffeln. Filmproduzenten bereichern sich an den Träumen anderer. Wie so ein Filmproduzent aussieht, wie er denkt und spricht, das wissen wir – aus dem Kino, woher sonst?

Véra Belmont ist im Hauptberuf Filmproduzentin, sehr beschäftigt, sehr erfolgreich. Sie hat Filme von Yves Boisset und Georges Franju, von André Téchiné und Stanley Kramer produziert. Vor einigen Jahren aber nahm Vera Belmont sich Zeit und begann zu träumen. Die Träume handelten von Vera Belmonts Jugend im Paris der frühen fünfziger Jahre, vom Glück und von den Seelenqualen eines jungen Mädchens, von den Kämpfen und vom Kino jener Zeit. Aus dem Traum wurde ein Drehbuch. Vera Belmont, die als Produzentin kein Risiko scheute, als Regisseurin aber kaum Erfahrungen hatte, faßte sich ein Herz und beschloß, ihren Traum auch selbst zu verfilmen.

Die Hauptrolle spielt die Träumerin: Das Mädchen Nadia (Charlotte Valandrey), das alter ego der Autorin, ist fünfzehn und ziemlich frühreif Die Jungs aus ihrem Viertel buhlen schon heftig um sie, Nadia aber träumt von ganz anderen Männern: Fast täglich steht sie traumversunken vor dem Grab Guillaume Apollinaires, den sie verehrt. Genauso leidenschaftlich schwärmt Nadia vom Kommunismus und vom Kino. An liebsten guckt sie amerikanische Filme, denn im französischen Kino ist nicht viel los im Jahre 1952. Noch kennt niemand Godard, und Truffaut ist gerade zwanzig geworden. Wenige Jahre später aber wird Truffaut seinen Traum beschreiben: „Der Film von morgen erscheint mir noch persönlicher als ein Roman, individuell und autobiographisch wie ein Tagebuch ... Der Film von morgen wird eine Liebeserklärung sein.“

„Rote Küsse“ ist sö ein Film von morgen: ein Stück Autobiographie und eine Liebeserklärung an Rita Hayworth, vielleicht auch an Joseph Stalin, jedenfalls an alle schwärmerischen Jungkommunisten und orthodoxen Kinofans.

Andererseits ist „Rote Küsse“ auch ein Film von gestern: Avantgarde, so heißt bei Vera Belmont nur die Zeitung der jungen Kommunisten. Beim Blick zurück habe Nostalgie sie ergriffen, das gibt die Regisseurin selber zu. Auch ihr Stil ist nostalgisch: Wie die Filmer der fünfziger Jahre schreckt Vera Belmont davor zurück, ihrem Publikum allzuviel Gewalt und Gefühl zuzumuten.

Eines Nachts begegnet Nadia dem Klassenfeind. Eigentlich ist sie gut gewappnet gegen die Tricks der Bourgeoisie, denn ihre Eltern, strenggläubige Stalinisten, haben sie zu ideologischer Standfestigkeit und revolutionärer Wachsamkeit erzogen. In dieser Nacht aber ist Nadia zu erschöpft für eine Revolution. Sie war demonstrieren, es kam zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, Polizei trieb die Demonstranten zu Paaren. In einer dunklen Gasse fielen gleich fünf Flies über Nadia her. Dann erschien Stéphane, der jung und hübsch ist, und als Photograph für den reaktionären Paris-Match arbeitet. Stéphane entriß Nadia ihren Peinigern. So beginnt die Liebesgeschichte zwischen dem Proletariermädchen und dem Bourgeois. Die ganze Welt ist gegen sie, so wird der Flirt zum Abenteuer.

Nadia ist berauscht. Endlich ist ihr Leben so spannend, wie es ihre Träume schon immer waren. Bislang hat Nadia in einer Phantasiewelt gelebt: Sie schrieb Briefe an Stalin, strickte ihm sogar ein Paar Pantoffeln, rot, mit einem gelben Hammer auf dem linken, einer gelben Sichel auf dem rechten. Für sich selbst bevorzugte sie andere Muster: Von dem Kleid, das Rita Hayworth in „Gilda“ trägt, hat sie sich eine Kopie geschneidert. Die Illusionen aus Moskau und die aus Hollywood sind eng miteinander verwandt, das spürt Nadia instinktiv. Auf der Parteiversammlung: Kritik und Selbstkritik. Im Kino: „Put the Blame on Mame.“