Von Helmut Schödel

Als Oberon und Titania, das Elfenkönigspaar, aus „weichen Wolkenfluren“ zu uns herunterkamen und durch die kahlen Städte reisten, erreichten sie eines Tages Berlin. Das war in Botho Strauß’ Theaterstück „Der Park“. Der Elfenkönig hatte die Hoffnung, die Menschen seien zur Umkehr zu bewegen: „So gründlich hat Bewußtsein und Geschäfte ihren Trieb verdorben, daß mancher schon sich Hilfe flehend an die alten Götter wendet.“ Doch dieser Eindruck trog. Bald sah man Oberon und Titania auf verlorenem Posten, Shakespeares „Sommernachtstraum“ wiederholte sich nicht.

Jetzt aber kam gute Nachricht aus Berlin, noch einmal eine Einladung zu einem „Sommernachtstraum, ganz frei nach Shakespeare, in Szene gesetzt in Haus und Garten“. Ort des Spuks war das Berliner Literaturhaus, hinter dessen hochdosiertem Schick man niemals Träumer vermutet hätte. Doch die Idee der Veranstalter und ihr Optimismus waren glänzend. Sie taten, was unsere Stadttheater versäumen: Herbert Wiesner und Sissy Tax beauftragten sieben Schriftsteller, ihren „Sommernachtstraum“ zu schreiben, gaben Geld und versprachen ihnen eine Aufführung. Letztes Wochenende war es soweit: Im Garten die Gäste, am Himmel der Mond.

Ein Mann wie eine melancholische Erinnerung ans Kindertheater, den Hut tief in der Stirn, die Taschen voll Mohrrüben aus Nachbars Garten, führte uns zu einer kleinen, von Spinnweben überzogenen Bühne im Treppenhaus, wo das erste Nacht-, das erste Traumstück begann: Urs Widmers „Bottoms Traum“. Eine alte Frau, eine Verwandte der Baucis, erzählt uns bei Widmer von fernen Zeiten; wie schön die Schöpfung war und wie sie allmählich von allen guten Geistern verlassen wurde. Wir hören von einer märchenhaften Welt ohne Menschen, mit Tieren und Blumen und blauen Bergen. „Die Götter waren gern Götter dieses Schönen da unten.“ Mit vorwurfsvollem Gebrüll wiederholt die Alte: „Dieses Schönen!“ Aber dann habe kein Gott mehr „mit dem dort“ etwas zu tun haben wollen. „Mit uns!“ brüllt die Alte. Durch das Geschrei erwacht Zettel, der Weber, aus seinem Traum. Schwerfällig und stammelnd, als schleppe er seine Satzbrocken aus der Urzeit her, erzählt er aus Shakespeares „Sommernachtstraum“. Aber seine Freunde, mit denen er im Athener Wald die traurige Liebesgeschichte von Pyramos und Thisbe aufführen wollte, verleugnen ihn im besten Britisch. Zettel stöhnt: „No triis, no woud leik befor, no moor frends“. So mag einst der letzte Saurier sterbend den Untergang seiner Gattung beklagt haben. Wir erleben Träumers Tod.

In der Aufführung des Berliner Transformtheaters, das vier der sieben Stücke für das Literaturhaus inszenierte, blieben in traumloser Routine die Schreie der Alten aus. Schon kamen einem die nüchternen Gedanken wieder, dachte man bei Traum an Freud, bei Schlaf an Pillen, bei Liebe an Unglück. Aber draußen schien noch immer der Mond, und an der Theke des Literaturhaus-Cafes saß der Grazer Dichter Wolfgang Bauer. Sein Stück „Eine schreckliche Nacht“ spielt in einem Büro für Träume, in dem eine liebestolle Beamtin wild mit einem Traumstempel hantiert. Die Sprache ihres Amtes ist der Kalauer. Sätze wie „mich quält der Durst, ich aß zum Abendbrot zu viel Wurst“, gehören hier zum Parteienverkehr wie der Stempel zum Traum. Fast ist auch schon der harte Kern der Bauer-Verehrer, die sich im ersten Stockwerk des Literaturhauses versammeln, am Verzweifeln, als uns eine dunkle Stimme in einen Nebenraum zitiert. Hier ist ein Videoturm installiert. Von dort meldet sich ein Fernsehregisseur zu Wort, Filippe Sombrero mit Namen. „Der Text ist völlig in Ordnung“, beschwichtigt er uns, „so wahr ich Sombrero heiße“. Dann folgt die Schauspieler-Kritik des Regisseurs: „Ihr müßt euch mehr Zeit lassen ... es ist so gehudelt ... so einen Text muß man auf der Zunge zergehen lassen, so wahr ich Sombrero heiße“. „Traumstempel im Gewitter“ nennt Sombrero sein Stück, das er seinen Künstlern jetzt selber vorspielt. Als später die mittlerweile nur noch leicht bekleidete Beamtin mit ihrem Dessous versehentlich an einem der Barhocker des Bühnenbildes hängenbleibt, bemerken wir: der Zauber wirkt, Bauer hat uns entführt. Wir sind in der Grazer Unterwelt und träumen von schlechten Theaterstücken. So ein schlechtes Stück ist etwas Herrliches!

Als man schon derart benommen war, konnte es einem leicht passieren, daß man das nächste Stück des Abends, Jutta Schüttings „Traum-Probe“, mit Bauer an der Bar versäumte. Der Dichter erzählte von einem großartigen „Tatort“, den er für die ARD geschrieben hat, von Hellsehern und amerikanischen Mördern. Bauers Augen glänzten. Mir schien, draußen leuchtete der Mond jetzt noch heller.

Als der Bier-, Wein-, und Würstchenkonsum in Haus und Garten schon einen ersten Höhepunkt erreicht hatte, hörte man in Ingomar von Kieseritzkys Stück „love/exeunt“ einen Mann an einem Schreibtisch vor einem Diktaphon seine zerbrochene Liebesgeschichte selber rezensieren. Seine Liebe mißt der Mann an prominenten Verhältnissen: Romeo und Julia, Donald und Daisy Duck, Petrarca und Laura, Tarzan und Jane. Alles aber ist nicht vergleichbar mit seinem eigenen, von der Liebessoziologie entzauberten, vom Alkohol vergifteten, vom Beziehungsjargon verhunzten Schmerz. Was bleibt, ist der medizinische Befund eines hysterischen Liebhabers: „Rückgewandte Eifersucht, harmoniesüchtig, vereinigungssüchtig, sprechsüchtig, verklemmte Synapsen und ewig affizierte Nerven und vor lauter Aufregung mitunter Impotenz.“ Aber draußen schien der Mond noch immer, die Wunder passierten im Garten. Ein talentierter Jungautor, Werner Fritsch, sei anwesend, hieß es, Bauer schwelgte bereits in deftigsten Metaphern. Und wie herbeigezaubert, war der junge Mann auch plötzlich da. „Fleischwolf“, sein Stück, liege dem Suhrkamp-Verlag bereits vor. Er sprach sehr ernsthaft und auf die honetteste Manier vom Theater. Zunehmend irrlichterte es im Garten vor dem Literaturhaus, wo Ginka Steinwachs eine Semi-Performance zelebrierte: „Die Frau auf der W.A.N.D. und der Mann im M.U.N.D.“ Die Lautsprecher waren falsch plaziert, so daß man kein Wort verstand. Aber schön mondsüchtig sah es aus.