Der Untertitel lautet „Entscheidung in Okinawa“. Es geht an amerikanischjapanische Freundschaft. Der wenig originelle Titel ließe auf einen 08/15-Fernost-Billigkaratefilm schließen. Er spielt auch in Japan, jedenfalls, was Kulissenbauer in Los Angeles daraus gemacht haben. Es ist aber eine aufwendige US-Produktion, die freilich vom Osten alles, vom Westen (Europa) nichts mehr wissen will. Peter von Zahn fragte in einer Serie in der Welt kürzlich voller Angst „Verläßt uns Amerika?“ und verarbeitete darin sicherlich seine diesbezüglichen Kinoerlebnisse. Auch Präsident Reagan stellt den ostasiatischen Raum immer deutlicher ins Blickfeld amerikanischer Interessen. Man orientiert sich um. Japan ist angesagt.

Wie leichtfüßig sich das amerikanische Gemüt neue Kulturen aneignet, wenn ihm danach ist, merkt man spätestens, wenn Karate Kid Ralph Macchio borisbeckermäßig auf eine schöne Japanerin zukalbt und sie, blutjung wie er, ihm Geisha-Tänze beibringt, woraufhin sie Rock’n Roll-Tanzen gehen. Bill Haley and the Comets, Rock around the Clock, Amerika ist überall. Mal nähert sie sich ihm geheimnisvoll im Kimono und braut rituell dampfenden Tee, den Blick züchtig zu Boden geworfen und stumm wie ein Lampion, dann wieder laufen sie ausgelassen um die Wette, kabbeln sich im Sand wie junge (amerikanische) Hunde.

Wo das alles stattfindet? In Okinawa! Da, wo vor 42 Jahren Hunderttausende in einer der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkrieges ihr Leben ließen. Aber Liebe plus American Way of Life renken das wieder ein. „Wie ist Amerika?“, fragt Karate Kids japanische Freundin. „Du wirst es lieben“, sagt er. „Wird es auch mich lieben?“ will sie wissen, und er raspelt, die Debatte für immer abschließend: „Ein Teil tut es jetzt schon.“

Okinawa ist heute größter US-Stützpunkt im Pazifik. Glaubt man dem Film, ist es gleichzeitig eine zeitlose japanoide Naturlandschaft, zerklüftet, nichts als Berge, Wetter und Wolken, Bonsai und Tai Ginseng-Wunderwurzeln. Wer will, steuert die nächste Stadt und damit, das Computerzeitalter an. Es ist, als würde Japan stets beides offerieren, Zukunft und tiefstes Mittelalter und beides würde sich aufs beste miteinander vertragen.

Immer wieder Anmut. Anmut und Karate, das ist Japan. Alle Frauen tanzen Anmutstänze, verbeugen sich, bewegen sich, sind geheimnisvoll, zelebrieren ihren ostasiatischen Körper, kochen Tee. Alle Männer, alt wie jung, selbst Opas, hacken Holz mit ihren Handkanten, unentwegt. Crash! Zack! Splitter! Oft sieht man sie im Hintergrund herumhacken, inklusive Schrei („Uaaah!“), während vorne die Handlung läuft.

„Wo du hast gelernt so gut tanzen?“ fragt Freundin Komiku beim nächsten Discobesuch. „Oh, ich war jahrelang der Tanzpartner meiner Mutter.“ – „Oh, sie müssen sein gut.“ – „Oh, sie ist phantastisch!“ Dummerweise tanzt Macchio schlecht, so wie Boris Becker tanzen würde, also mehr Hechtrolle als Eleganz, aber das wußte das Drehbuch nicht. Die Mutter, oh, ist in jedem Fall phantastisch, weil 93 Prozent aller US-Jugendlichen so werden wollen wie ihre Eltern.

Wie geht es nun aus? Man muß wissen, daß Karate Kid, ein junger Kalifornier, dank seines japanischen Karate-Zarathustras, also seines steinalten „weisen“ Lehrers, mit der Handkante besser Holz hackt als jeder andere mit dem Beil. Außerdem ist er ein guter Mensch, was gewisse andere Karateken nicht sind. Das böse, das andere Japan muß erst noch einmal, zum zweitenmal also, besiegt werden, denn ein paar letzte Starrköpfe können offenbar Hiroshima nicht vergessen. Als Kid schließlich ihrem Anführer, einem verbitterten Krieger, der seit vierzig Jahren seine „Ehre“ besudelt glaubt, das Leben rettet, wird alles gut. Amerika liebt Japan und Japan liebt Amerika. Das ist nun nicht mehr rückgängig zu machen, so traurig es auch für uns Europäer sein mag. Joachim Lottmann