ZEIT: Wie relevant ist Karl Marx für den „Sozialismus mit chinesischer Charakteristik“ der heutigen Pekinger Führung?

Su Shaozhi: Marx, Engels und Lenin können unmöglich Lösungen für all die spezifischen Probleme bieten, denen China heute gegenübersteht. Die marxistischen Werke sind kein Allheilmittel. Wir halten uns an die grundlegenden Prinzipien des Marxismus-Leninismus, betonen aber zugleich deren ununterbrochene schöpferische Weiterentwicklung. Denn der Marxismus ist eine Wissenschaft, und das Fragen darf nie aufhören. Der Ausgangspunkt von Marx, die Interessen des arbeitenden Volkes, auch sein historischer Materialismus sowie seine Methodologie der Dialektik besitzen für uns weiterhin Gültigkeit. Nicht jedoch einzelne Schlußfolgerungen, zu denen Marx aus seiner Welt und Zeit heraus gelangte und die von Stalin später dogmatisiert wurden.

ZEIT: Woran denken Sie im einzelnen?

Su Shaozhi: An die Auffassung, daß im Sozialismus das verstaatlichte Eigentum die alleinige Eigentumsform sein müsse. Dominierend, ja. Darüber hinaus jedoch befürworten wir eine differenzierte Eigentumsordnung, die auch Privatunternehmen, joint ventures mit westlichen Firmen, Betriebe im Alleineigentum von Ausländern, ja sogar sozialistische Aktiengesellschaften zuläßt. Es steht ferner das Ausmaß der Dezentralisierung zur Diskussion, die nach Ansicht einer Mehrheit unserer Experten bis ganz hinunter zur einzelbetrieblichen Selbstverantwortung und Selbstverwaltung durchgezogen werden soll – weiter als das von den Dogmatikern schon verschrieene Negativmodell Jugoslawiens, dessen Selbstverwaltung auf Republiksebene steckenblieb. Schließlich praktizieren wir eine sozialistische Warenwirtschaft, die Plan und Markt verbindet. Marx und Stalin schlossen diese Kombination aus. Wir machen auch mit diesem Dogma Schluß.

ZEIT: Was ist ideologisch von Mao übriggeblieben?

Su Shaozhi: Man muß unterscheiden zwischen maoistischem Gedankengut, hinter dem die ganze Partei steht, und Maos eigenen Ideen. Diese gliedern sich in zwei Perioden: Bis 1957 war das meiste richtig, nach 1957 war das meiste falsch, grundfalsch. Vor allem Maos Theorie über den im Sozialismus andauernden Klassenkampf oder die selbst unter der Diktatur des Proletariats fortzusetzende permanente Revolution. Daraus entstand 1966 das Verhängnis der Kulturrevolution.

ZEIT: Die Quintessenz des „maoistischen Gedankenguts“?