ARD, 3. September, 20.15 Uhr: „Aranka“, Buch: Cordula Zickgraf, Regie: Gernot Eigler

Aranka ist siebzehn, und sieben Jahre ist sie schon krank: Krebs. Ihr Gesicht ist schmal und blaß, groß und tief sind die dunklen Augen. Wenn sie keine Schmerzen hat, liegt sie still da, beobachtet, sinniert. Sie hat schon viele Patienten kommen und das Krankenhaus wieder verlassen sehen. Sie ist offen, freundlich. Man hat sie gern.

Cordula, eine junge Schwesternschülerin, ist nur zur Beobachtung ins Krankenhaus gekommen: Schilddrüsenüberfunktion. Als sie Aranka sieht, in deren Zimmer sie ein Bett erhält, weiß sie – die in ihrer Ausbildung ein krebskrankes Kind gepflegt hat – sofort wie es um Aranka steht. Sie möchte fliehen, nichts mit diesem kranken, hilflosen Mädchen zu tun haben und wird doch von Aranka auf seltsame Weise angezogen. Wenn sie sich beklagt: „Sobald man in diesen Krankenhausbetten liegt, fühlt man sich krank – das ist schon fast eine Verpflichtung“, ist es Aranka, die sie sanft ermahnt: „Sei doch nicht so unzufrieden.“

„Aranka“ liegt ein Buch zugrunde, das bereits 1979 erschienen ist. Cordula Zickgraf hat über ihren Krankenhausaufenthalt Tagebuch geführt („Ich lerne leben, weil du sterben mußt“; Kreuz Verlag, Stuttgart): Gespräche, Reflexionen, Beschreibungen. Nichts Falsches ist darin, nichts Sentimentales. Aus der Perspektive einer einfühlsamen, hellwachen jungen Frau erfährt der Leser viel über die alltägliche Not in einem Krankenzimmer.

Der Film wollte diese Perspektive nicht einhalten. „Aranka“, von dem Arzt und Regisseur Gernot Eigler gedreht, bezieht auch die Not der Ärzte mit ein. So bekennt einer von ihnen einmal: „Manchmal denke ich, die Medizin ist keinen Deut wert, außer Sterbehilfe zu leisten.“ Vor der Macht der Metastasen steht der Mensch ohnmächtig da, komplizierte Maschinen, Chemotherapien können lindern, doch letztlich nicht heilen.

„Was können wir noch tun“ (so nannte die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross eines ihrer Bücher) – diese Frage steht unausgesprochen über dem Film. Aranka erfährt Fürsorge, Zuwendung und Zuneigung. Wenn ihr der Sinn danach steht, darf sie mit Hilfe Cordulas auch einmal in der Stationsküche Kartoffelpuffer braten. „Aranka“ ist ein gutes Beispiel und eines, das Schule machen sollte, wenn es um die Behandlung krebskranker Patienten in Krankenhäusern geht. Nur allzu oft werden sie mit ihrer Angst vor dem Tod, mit ihrem Schmerz allein gelassen, weil Ärzte und Schwestern überlastet sind. „Aranka“ ist auch und vor allem ein leiser Film über eine kurze, intensive, schwierige Freundschaft. Suzanne von Borsody als Cordula und Anke Sevenich als Aranka bleiben in ihrem Spiel immer glaubwürdig. Die Regie hat auf jede Effekthascherei verzichtet. Die großen, oft von Tränen und Pathos begleiteten Worte, wie sie in amerikanischen Spielfilmen mit ähnlicher Thematik nur allzu oft vorkommen, werden in „Aranka“ vermieden. Auch keine aufwallenden Klänge dramatisieren die Szenen. Das kleine Gespräch dominiert, enthüllt Unsicherheit, Angst, Schmerz – aber auch Hoffnung.

Für Cordula Zickgraf, der Verfasserin des Tagebuches, war die Begegnung mit der sterbenden Aranka „ein Erlebnis – den Tod so nah und doch so lebensnah“. Dem deutschen Fernsehpublikum wird dieses „Erlebnis“ erst spät zuteil. Als „Aranka“ im vergangenen November gezeigt werden sollte, mußte der Film der Fußballübertragung Gladbach gegen Real Madrid weichen. Es hagelte Proteste. Die lakonische Antwort der ARD: „... Fernsehspiele am Mittwoch sind etwa l0mal im Jahr in der Gefahr, durch Fußballübertragungen ersetzt zu werden...“ Hoffen wir also, daß der nächste Mittwoch ein fußballfreier sein wird. „Aranka“ hat es verdient.

Anne Frederiksen