Freiburg

Die dritte Kammer des Freiburger Verwaltungsgerichts hat es nicht leicht an diesem düsteren Nachmittag. Die Aufgabe ist diffizil, das Wetter schlecht. Zu bewältigen ist nicht nur ein Ortstermin, sondern auch noch ein Rollenwechsel. Es gilt, richterliches Denken für eine Stunde zu unterdrücken und statt dessen "das Empfinden eines für Fragen des Denkmalschutzes offenen und aufgeschlossenen Betrachters, des sogenannten gebildeten Durchschnittsmenschen" zu imitieren. Das verlangt der baden-württembergische Verwaltungsgerichtshof den Richtern ab.

Zu begutachten ist die Dachlandschaft im denkmalgeschützten Ortskern von Staufen, einem 7000-Einwohner-Städtchen in Südbaden. Dort möchte Elmar Bernauer, der Kläger, auf dem Dach seines Hauses einen Sonnenkollektor aufstellen. Bernauer ist Vermessungsingenieur. Regelmäßig arbeitet er für die Schwarzwaldgemeinde Münstertal und erlebt beim Messen, wie der Wald um ihn herum stirbt. "Da muß jeder etwas tun", meint der 30jährige, "auch im privaten Bereich muß man investieren." 7000 Mark will er aufwenden, um nicht mehr mit dem Strom aus der Steckdose, sondern der Solar-Ernte vom Dach das Wasser zu wärmen. Und weil seine Holzzentralheizung bereits einen Teil der benötigten Energie liefert, kann schon ein kleiner Kollektor, gerade acht Quadratmeter groß, der fünfköpfigen Familie zum Sonnen-Bad verhelfen. Sein Baugesuch wurde aber von Landratsamt und Regierungspräsidium Freiburg nach einer Stellungnahme des Landesdenkmalamtes abgelehnt: wegen der "nicht unerheblichen Beeinträchtigung" des Stadtbildes.

Das Gericht muß nun entscheiden, ob der Anblick des Kollektors vom Betrachter tatsächlich "als belastend empfunden" wird oder ob nicht vielmehr andere "Gründe des Gemeinwohls unausweichlich Berücksichtigung verlangen". Die Richter schlendern auf der Rückseite von Bernauers Haus durch den Weiherweg, den Kopf leicht nach oben gebeugt. Nach ein paar hundert Metern hält Elmar Bernauer den Richter Johann Birk an. "Herr Vorsitzender, wir sind längst vorbeigelaufen", mahnt er. Die Richter haben das hölzerne Gerüst, das die Größe der geplanten Solaranlage auf dem Dach andeuten soll, schlicht übersehen und müssen zurücklaufen. Bernauer hofft, daß diese Tatsache für ihn sprechen wird. Im Urteil, das dem Vermessungsingenieur den Bau der Solarzelle untersagt, heißt es später, das Dach sei zwar "nur auf ein kurzes Stück hin (zirka 2 Meter Straßenlänge) einsehbar". Aber wenn man "den Blick deutlich seitlich wendet", trete das Dach "in seiner dem historischen Ensemble angepaßten Form charakteristisch in Erscheinung".

Auch Freiburgs Oberkonservator Gernot Vilmar ist beim Ortstermin in Staufen dabei. "Wir Denkmalschützer haben natürlich nichts gegen Sonnenenergie", beteuert er. Den Bau von Bernauers Acht-Quadratmeter-Anlage will er trotzdem verhindern. Vilmar fürchtet Nachteile für den Denkmalschutz: "So ein Präzedenzfall einer Solaranlage mitten im denkmalgeschützten Ortskern, der hätte inflationäre Folgen."

Die Richter wissen um die prinzipielle Bedeutung der Entscheidung. Beim Ortstermin nehmen sie sich Zeit und besteigen noch den nahe gelegenen Weinberg, um die Dachlandschaft auch von oben würdigen zu können. Dort gewinnen Richter Birk und seine Kollegen den entscheidenden Eindruck. Durch das Gewirr von Stromleitungen und Fernsehantennen springt ihnen das mit Latten simulierte Unheil – laut Urteilstext – "sozusagen ins Auge". Die Solaranlage werde deshalb als "störend und belastend in Erscheinung treten".

Was die Richter offenbar nicht wußten: Der Aussichtspunkt am Weinberg kann bald kein Aussichtspunkt mehr sein. Vier Neubauten werden den Blick auf die "typische, der spätmittelalterlichen Bauform entsprechende Dachlandschaft" verstellen. Schade auch, daß es während des Ortstermins regnete. Sonst hätten die "für Fragen des Denkmalschutzes aufgeschlossenen Betrachter" möglicherweise den Blick vom Weinberg auf einen weißen Tempel am anderen Rheinufer genießen können – die Silhouette des französischen Kernkraftwerks Fessenheim.

Thomas Kleine-Brockhoff