Hamburg: "Biskupin. Polens Pompeji in Harburg"

Es wäre wohl etwas kühn, die hölzerne Festungsanlage von Biskupin in Nordwestpolen mit Pompeji zu vergleichen. Dennoch ist diese aus der Bronzezeit stammende Siedlung ein aufschlußreiches Zeugnis der Lausitzer Kultur (1400-400 v. Chr.), einer Zivilisation, die auch in Nordostniedersachsen und im östlichen Holstein Spuren hinterlassen hat. Die Lausitzer Kultur, ein Bestandteil der sogenannten Urnenfelder-Kultur Europas, zeichnet sich durch besondere Formen des Siedlungswesens und der Brandbestattung aus. Während ihrer fast tausendjährigen Dauer sind in Mitteleuropa im Rahmen einer groß angelegten Binnenkolonisation zahlreiche Festungen entstanden, in denen jeweils mehrere hundert Menschen gewohnt haben. Ausgrabungsfunde deuten auf einen hochentwickelten Gemeinschaftssinn hin, eine politische Ordnung, die Parallelen mit den Verfassungen der griechischen Kolonien im 8. und 7. Jahrhundert v. Chr. aufweist. Im Unterschied zu den um das Mittelmeer gruppierten Kulturen hat die Lausitzer den Schritt zur schriftlichen Überlieferung nicht gemacht. Bei ihrer Erforschung muß insofern ein mühsamer archäologischer Weg beschritten werden. Biskupin, als Freilichtmuseum errichtet, ist Anziehungspunkt für Touristen, die Archäologie zum Anfassen nicht gegen Museumsluft eintauschen wollen. Dank wissenschaftlicher Kontakte mit dem Archäologischen Museum in Warschau gelang es nun, die Ergebnisse der fünfzigjährigen Ausgrabungsarbeiten von Biskupin in einer Wanderausstellung auch Besuchern in der Bundesrepublik – wie jetzt in Hamburg-Harburg – zu präsentieren. Werkzeuge und Gegenstände des täglichen Gebrauchs bestimmen die Ausstellung. Wer Glitzerndes und Kunstvolles erwartet, wird enttäuscht. Die vom Ackerbau und Viehzucht lebende Gemeinschaft hat steinerne Handmühlen, Reibsteine, Sichel und Hacken besser gebrauchen können als reich verzierte Schüsseln und Vasen. Trotzdem kann man den Biskupinern einen Sinn für dekorative Phantasie nicht absprechen. Diese zeigt sich besonders in den kultischen Gegenständen und in Gesichtsurnen, deren Malereien auch auf Einflüsse der etruskischen Kultur hindeuten. Einen großen Bronzehalskragen hätte sich vielleicht auch Kleopatra umhängen lassen. Die interessante Bautechnik, bei der auf die Verwendung von Nägeln verzichtet wurde, hilft auch, einige Vorurteile gegenüber sogenannten barbarischen Kulturen zu revidieren, die vom Glanz der hochentwickelten mediterranen Zivilisation in den Schatten gestellt wurden. Die Biskupiner Siedlung, eine aus 106 Häusern bestehende Festung, deutet auf ein bis ins Detail geplantes Bauunternehmen hin, das von Menschen mit einem ausgeprägten Sinn für das Gemeinwesen durchgeführt worden ist. (Helms-Museum bis zum 31. August, danach in Duisburg, Freiburg, Regensburg und Münster)

Marzenna Guz

München: "Das Automobil in der Kunst"

Ein riesiger Autokühler, Marke Protz, vor der Fassade weist darauf hin, daß drinnen im Haus der Kunst die Verbrüderung von Kunst und Automobil gefeiert wird. Im Jahre Hundert nach Benz war die Umarmung wohl auch fällig, obschon es einige Zeit dauerte, bis die beiden sich mochten. Bis in die 30er Jahre war das Auto nämlich kein Thema für die Kunst (von den Futuristen abgesehen, die es als zeitgemäßes Symbol für Geschwindigkeit betrachteten) – wo auf den Bildern Autos auftauchten, waren sie als charakteristisches Zubehör der modernen Großstadt aufgefaßt. Der Erste, der mit dem Auto sozusagen direkt in die Kunst hineinfuhr, war Salvador Dalí, mit einem surrealistischen ‚Regentaxi‘ (1938). Dieses Objekt ist leider zerstört, andere wichtige Arbeiten aus dem Bereich Kunst & Auto sind durchaus noch vorhanden, nur in der Ausstellung nicht präsent. Die Veranstaltung folgt den Spuren des Autos in der Kunst unseres Jahrhunderts eher betreten, weil sie ständig aus ihr hinaus und hinein in den Katalog führen. Dort findet man manche, nicht alle, dann abgebildet. Und so ersetzt Quantität Qualität; alles in allem, Trophäen, Kühlerfiguren, Plakate, Karikaturen, Photos und Nippes miteinbegriffen, vierhundertfünzig Begegnungen (oder auch Unfälle mit Sachschaden). Viele Maler sind irgendwann einmal vom Auto gestreift worden, Tamara de Lempicka und René Magritte, Konrad Klapheck, Siegmar Polke, Tom Wesselmann und andere. Das hat dem Auto nicht geschadet und der Kunst auch nicht.

Durch die positivistische in Erbsenzählerei ausartende Fixierung auf die sichtbare Gegenwart des Autos ist aber auch viel Beiläufiges in die Ausstellung geraten, schlicht Belangloses, das seine Anwesenheit lediglich automobilistisch rechtfertigt. Am eindrucksvollsten sind die wirklichen Autos, die prachtvollen und die ruinierten, die Rennwagen, die BMW, die der Sponsor der Ausstellung von amerikanischen Künstlern (Calder, Lichtenstein, Stella, Warhol) hat bemalen lassen, und der von Arman elegant tranchierte Sportwagen, auch die von John Chamberlain in eine malerische Schrottskulptur zerlegte Limousine ...

(Haus der Kunst, bis zum 5. Oktober; der bei Prestel erschienene Katalog kostet in der Ausstellung 45 Mark, im Buchhandel 78 Mark).

Helmut Schneider