Von Hermann Vinke

Als Ausländer in Japan zu leben, das heißt, die eigenen sozialen und kulturellen Wurzeln auf ein gefährliches Mindestmaß zurückzuschneiden – in der Hoffnung, daß sie im Gastland neu wachsen mögen. Aber kann man in Japan, in Tokio überhaupt leben?

Manchmal denke ich, daß das Siedlungsgebilde „Stadt“ mit einer solchen Zusammenballung von Menschen – 13 Millionen in der Hauptstadt und mindestens ebenso viele in der nächsten Umgebung – seinen Endzustand erreicht hat. Ein Zusammenleben von Menschen auf noch engerem Raum scheint nicht mehr möglich. Dieses Gebilde frißt Nerven, es erfordert ständige Anstrengung in einem täglichen Lebenskampf, dem die Japaner offensichtlich besser gewachsen sind als die zugereisten Ausländer.

Zum Beispiel der unendliche Lärm dieser Stadt, die Luftverpestung, die Betriebsamkeit, die durch keinen Sonntag, kein Wochenende unterbrochen wird. Wie ein riesiges Perpetuum mobile kommt mir Tokio manchmal vor. Selbst nachts um zwei oder drei sind die Straßen noch voller Autos, gibt es an den Kreuzungen Stauungen.

Die eigenen Sehnsüchte lassen sich nicht verdrängen. Tut sich zwischen den Häuserplantagen ein Gemüsebeet auf oder gar ein kleines Feld, dann bleibt man stehen und betrachtet die Pflanzen, als seien sie von einem anderen Stern. Schöngewachsene freistehende Bäume – wer mag daran noch denken! Nur der Kaiser hat sie noch um seinen Palast versammelt, der sich zwischen Banktürmen und Bürohochhäusern wie eine flache Oase ausnimmt, das Refugium eines Herrschers, der in der Hauptstadt das Privileg besitzt, ein kleines Reisfeld zu Debauen.

Der wirtschaftliche Fortschritt hat alles überrollt – mit Asphalt, Beton, häßlichen Gebäuden, Reklamefeldern. Welche Bilder nimmt der Tokioter täglich auf, wenn er zwischen Wohnung und Arbeitsplatz pendelt? Die Botschaft heißt: Kaufen, kaufen, kaufen!

Die fehlende Natur wird durch Signale ersetzt, die von der schönen Natur künden: Breitwandige Werbephotos mit traumhaften Berglandschaften, auf denen, wenn überhaupt jemand, eine einzelne Person zu sehen ist; Seen mit kristallklarem Wasser hängen über U-Bahn-Schächten, aus denen unablässig die Masse Mensch strömt; in den Kaufhäusern, wo der Konsumlärm tobt, Aufnahmen, die abgeschiedene einsame Winkel zeigen.