„Noch heute bekomme ich unwillkürlich Herzklopfen, wenn ich an einer Grenze meinen Paß vorzeige.“

Mein Vater Ronnie starb nobel im Alter von nur dreiundsechzig Jahren an einem gigantischen Herzanfall, nach einem Leben in perfekter Gesundheit und ungezügeltem Genuß, in einem englischen Landhaus an einem Sommernachmittag des Jahres 1975. Er sah sich im Fernsehen Kricket an, seinen Lieblingssport. Er hatte einen tüchtigen Lunch aus seinen Leibgerichten verzehrt – Lammbraten, Pudding, Käse – und mit der üblichen Symphonie alkoholischer Getränke nachgespült, denn er pflegte aus jeder Mahlzeit ein Bankett zu machen, und seine Gelüste beherrschten seine zahlreichen Haushaltungen bis zum Schluß. Es war ein Sonntag. Kein moderner Falstaff hätte sich einen besseren Tod wünschen können.

Ronnies Lebensleistungen waren zwar unorthodox, aber brillant: eine Reihe von Pleiten, die sich über fast fünfzig Jahre erstreckten und auf mehrere Millionen Pfund beliefen; buchstäblich Hunderte von Firmen mit pompösem Briefpapier und kaum einer Spur von Eigenkapital; ein Schwann treuer Freunde, die über seine waghalsigen Geschäfte lächelten, auch wenn sie selber deren Opfer waren; vier gesunde und erfolgreiche Kinder; sieben Enkelsöhne; ein ungetrübter Glaube an seinen Schöpfer; Haftstrafen auf zwei Kontinenten, die keine erkennbaren Spuren auf seinen milden, fast klerikalen Zügen hinterließen; ein Gewissen, das ihm alles verzieh; spektakuläre Akte individueller Nächstenliebe, deren sich die Nutznießer erinnerten, solange ein Atemzug in ihnen war; und eine sexuelle Potenz, die, wie er mir erst ein paar Monate vor seinem Ende versichert hatte, ihresgleichen suchte.

Ronnies schnelle Pferde

Sein Lebensstil war bis zuletzt nicht weniger eindrucksvoll: eine Wohnung in Chelsea, Büroräume an der Jermyn Street, Kredit bei den besten Restaurants von West End, Auslandsreisen mit großem Gepränge, flotte Autos, Maßanzüge, Maßschuhe, und eine Gastlichkeit, die so grenzenlos war – immer vorausgesetzt, daß eine Unterschrift genügte –, daß auch die Gewissenhaftesten unter seinen Gästen bald nicht mehr den Versuch machten, sie zu erwidern.

Eine Feuerbestattung, ein Trauergottesdienst, ein Ausstreuen der Asche und ein Gedenkgottesdienst in London folgten seinem Ableben. Ich nahm nur an der ersten dieser Zeremonien teil und enttäuschte Freunde und Angehörige, weil ich mich weigerte, die Lesung oder eine Leichenrede zu halten. Hingegen suchte ich einen Tag nach seinem Tod die Büroräume an der Jermyn Street auf und fand ein Chaos vor, als habe eine Bombe eingeschlagen.

Briefe, Rechnungen und Bankauszüge mit roten Zahlen, ausländische wie einheimische, lagen knöcheltief auf dem Boden verstreut, Aktenschränke gähnten windschief hinunter auf Hilfskräfte, die fieberhaft in dem Durcheinander herumwühlten und versuchten, sich vorzustellen, wo all das Geld hingekommen war. So vernünftig einige von Ronnies Projekten unstreitig ausgesehen hatten, so loyal, ehrlich und gewissenhaft seine Mitarbeiter zweifellos waren, es fand sich kein roter Heller, und nach meiner Schätzung hatte sich auch niemals einer dort befunden.