Von Hansjakob Stehle

Isoliert, ohne Familienbesuch, ohne Zeitung, ja ohne Uhr, sitzt im Untersuchungsgefängnis von Venedig der Mann, der vor drei Monaten als aktiver General Staats- und Dienstgeheimnisse ausplauderte (siehe ZEIT Nr. 22), dann seinen Abschied nahm und zunächst unbehelligt still und reiselustig seinen Ruhestand genießen durfte: Ambrogio Viviani. So gern sich sonst Politiker und Presse in Italien Skandalen widmen, in diesem Fall schienen sie vergessen oder verdrängt zu haben, was der ehemalige Chef der italienischen Gegenspionage (von 1970 bis 1974) an Ungeheuerlichkeiten enthüllt hatte.

Selbst die Justiz begnügte sich damit, den General nur da- und dorthin zu bitten und bei ihm höflich-diskret Auskünfte einzuholen. So war Viviani auch letzte Woche unbekümmert und ohne Gepäck nach Venedig gefahren, um einem Untersuchungsrichter die Aufklärung eines dreizehn Jahre zurückliegenden mysteriösen Unfalls zu erleichtern. Doch da wurden ihm dann unversehens die Handschellen angelegt. Warum? Weil nun doch ein Hüter des Gesetzes den General des Geheimnisverrats verdächtigt?

Im Gegenteil: Viviani wurde festgenommen, weil er gewisse Aussagen verweigert und sich hinter seinem Geheimnis verschanzt – teilweise. Seine Taktik – er verwechselt sie mit Strategie – beruhte schon im Mai darauf, nur die Hälfte dessen aufzudecken, was er weiß. So gab er präzise an, daß am 2. Juni 1971 ein hoher, auch heute noch diensttuender Offizier der italienischen Streitkräfte in Rom einen Militärputsch auslösen wollte. Doch den Namen verriet Viviani nicht. Allerdings scheint ihn bis heute auch niemand eindringlich danach gefragt zu haben – so wenig wie nach der Amtsperson, die (laut Viviani) Hitlers einstigem Polizeichef in Rom, Herbert Kappler, 1977 zur Flucht über die Brennergrenze verhalf.

Jetzt in Venedig will der Richter endlich Genaueres hören. Es geht um eine Affäre, bei der – in außen- und innenpolitisches Zwielicht gehüllt – sogar Mord im Spiel zu sein scheint:

Am 23. November 1973 stürzte in der Nähe Venedigs aus nie geklärter Ursache ein Militärflugzeug ab, dessen vier Insassen – darunter zwei hohe Offiziere des italienischen Geheimdienstes – man tot in den Trümmern fand. Dieselbe Maschine mit gleicher Besatzung hatte wenige Tage vorher in aller Stille drei arabische Terroristen nach Libyen zurückgebracht, die kurz vorher, am 5. Oktober, in der Nähe des römischen Flughafens Fiumicino gefaßt worden waren – "in Zusammenarbeit mit dem israelischen Geheimdienst" wie Viviani betont. Die Araber hatten in Fuimicino gerade zwei Boden-Luft-Raketen vom sowjetischen Typ "Strela" in Stellung gebracht, mit denen sie ein startendes israelisches Verkehrflugzeug treffen wollten. Im Gefängnis blieben sie nur kurz, denn, so enthüllte General Viviani schon im Mai, der damalige Außenminister Aldo Moro (der 1978 von italienischen Terroristen ermordet wurde), habe zum damaligen Geheimdienstchef Micelli gesagt: "schauen Sie, daß Sie sich mit Arafat einig werden, finden Sie eine Lösung, denn wir wollen nicht in diese Sachen verwickelt werden!"

So habe man eben auf "allerhöchste" Anordnung die Terroristen "an den Absender Ghaddafi zurückgeschickt", erzählte General Viviani dem Mailänder Magazin Panorama und versicherte: "Wir haben uns darauf beschränkt, das Flugzeug zur Verfügung zu stellen." Und das war eben jene Maschine, die kurz darauf bei Venedig abstürzte. Vivlani: "Das war meines Erachtens ein Warnsignal des israelischen Geheimdienstes Mossad, ein etwas blutiges, um uns zu sagen, daß wir mit Ghaddafi und dem arabisch-palästinensischen Terrorismus aufhören sollten." Ist das nur eine Vermutung?