Moskau lockert die Zensur und läßt vorsichtig die Vergangenheit diskutieren

Von Christian Schmidt-Häuer

Sieben deprimierend magere Jahre hatten Kunst und Geistesleben in der Sowjetunion durchgemacht, als Michail Gorbatschow 1985 Parteichef wurde. Seit Breschnjews Behörden 1977 den Schriftsteller Alexander Ginsburg und den Physiker Jurij Orlow wegen ihres Engagements für die Vereinbarungen von Helsinki verhaftet hatten, drohte das Land zu einer kulturellen Wüste zu verdorren.

Der Anwalt der Menschenwürde im sowjetischen Alltag, Nobelpreisträger Andrej Sacharow, wurde ohne Gerichtsurteil nach Gorkij verbannt. Und die Verteidiger des Individuums in der Kunst gegenüber der Gesellschaft und der Geschichte ließen sich entmutigen, entwaffnen, außer Landes drängen. Zu ihnen gehörte Andrej Tarkowskij, der mit seinem Film „Andrej Rubljow“ der Einsamkeit des großen Künstlers im russischen Mittelalter, ja zu allen Zeiten unerreicht Ausdruck verliehen hatte. Dazu zählte auch Jurij Ljubimow, der das Moskau der Stalinzeit (mit Bulgakows bis 1974 verbotenem Roman „Der Meister und Margarita“) auf die Bühne gebracht hatte, und damit das bedeutendste politische Theaterereignis seit den Tagen Stanislawskijs und Meyerholds schuf. 1984, längst im Westen, sagte Ljubimow über den Mann, der für die Plage dieser bitteren Jahre mitverantwortlich war, über Kulturminister Pjotr Demitschew: „Ich warte darauf, daß er gefeuert wird – und er wartet darauf, daß ich meinen Geist aufgebe.“

Sieben Wochen nach seinem Amtsantritt, am 1. Mai 1985, besuchte Michail Gorbatschow das Moskauer Künstlertheater (MCHAT), das für Stanislawskij und Meyerhold, für Tschechow und jene Tradition steht, die Rußland als Teil des Westens begriff. Der neue Generalsekretär sah sich demonstrativ Anton Tschechows Stück „Onkel Wanja“ an, für das er sich entgegen den Vorschlägen des Kulturministeriums entschieden hatte. Der Parteichef bezog mit dieser Geste schon früh Stellung gegen den Kurs, den die Moskauer Kulturbehörden bis dahin verfolgt hatten. Ausdruck ihrer national-konservativen Linientreue war eine antisemitische Flüsterkampagne gegen eben jenes Moskauer Künstlertheater, in dem damals wie heute kritische und auch jüdische Gegenwartsautoren gespielt werden.

Nach seinem Theaterbesuch rief Gorbatschow den Spielleiter Oleg Jefremow an, gratulierte ihm und erklärte: „Ich weiß, daß Sie einige Unannehmlichkeiten hatten. Bitte arbeiten Sie in aller Ruhe weiter.“ Jefremow antwortete, daß er mit dem Generalsekretär gerne über das Theater sprechen würde. Darauf sagte Gorbatschow: „Ich muß erst die Räder in Gang bringen. Dann will ich gerne diskutieren. Ich brauche die Intelligenz. “

Gorbatschow hielt Wort. Zwar war sein Arm noch nicht stark genug, um die Räder der Wirtschaft in Gang zu bringen und die Arbeiter zu überzeugen. Doch er setzte die Kulturpolitik in Bewegung und diskutierte mit den Schriftstellern – offen und sachlich wie keiner seiner Vorgänger. Nach hartem Kampf feuerte er in diesem Juni schließlich auch Minister Demitschew, der ein Vierteljahrhundert lang ideologische und kulturpolitische Spitzenfunktionen versehen hatte. Ljubimow, Tarkowskij, den Bildhauer Neiswestnij und andere in den Westen abgewanderte Künstler ließ er auf Umwegen wissen, daß sie ihren alten Geist nicht aufzugeben brauchten, wenn sie in die Sowjetunion zurückkehren würden.