Wenn die letzte Disziplin gekommen ist, gehen sie zum Start für den 1500-m-Lauf hinüber. Ihre Gesichter sind blaß und ernst, und ihre Augen scheinen etwas zu sehen, was außer ihnen niemand sieht. Einer aber schlendert, eine Hand in der Hosentasche seines Trainingsanzuges, die Rennschuhe unter den Arm geklemmt dort hinüber, wo Mühsal und Schmerz aus den vorangegangenen neun Diziplinen noch einmal von vorn beginnen, sich verdichten und entladen in einem viereinhalb Minuten langen qualvollen Atemzug. Unter seinem schwarzen Schnauzbart lächelt Daley Thompson seine Rivalen mit einer erbarmungslosen Heiterheit an.

"Es ist nicht die kleine Goldmedaille, die sie dir am Ende geben", sagt er, "worauf es wirklich ankommt, das sind diese zwei Tage, und die will ich genießen, die will ich für mich haben."

Seit zehn Jahren ist das Leben des Zehnkämpfers Daley Thompson ziemlich konstant. Aufstehen, frühstücken, zum Training fahren, Lunch, ausruhen, trainieren, gegen zehn ins Bett gehen, elf Stunden schlafen. Im Sommer und im Herbst in England, im Winter und im Frühjahr in Kalifornien. Der Sportplatz, sagt er, sei sein Zuhause. Ein Ort, an dem Daley Thompson vielleicht nicht den Sinn des Lebens gefunden hat, wohl aber den "Sieg" als das Fundament, auf dem Talent, Temperament und Charakter ihn seine Existenz gründen ließen.

"Manche meinen, als Athlet gehöre man dem Publikum, aber ich schulde dem Publikum. gar nichts. Der einzige, dem ich etwas schuldig bin, bin ich selbst. Wettkampf ist mein Leben, und gewinnen mein einziges Ziel. Der Sieg ist der einzige Preis, um den man sich schert in dieser Welt, und ich wünschte, die Leute würden wissen, was er kostet."

Keine Philosophien! Der Sieg in der Arena ist Tat, immer wieder. Keine Schwäche im Wettkampf, die er im Training nicht tausendmal durchgestanden hat. Kein Schmerz im Wettkampf, den er im Training nicht tausendmal überwunden hat. Eine Ekstase im Wettkampf, die ihn im Trainig nicht tausendmal ergriffen hat. "Das Training ist viel, viel härter als so ein Wettkampf. Und wenn er dann kommt, dann mußt du da sein, ganz da, und dann will ich die zwei Tage da unten einfach soviel Spaß wie möglich haben". Daley Thompson hat seit 1979 keinen Zehnkampf mehr verloren, er ist Welt- und Europameister geworden und zweimal Olympiasieger.

1976 in Montreal erlebte er als 18jähriger seinen ersten olympischen Wettkampf. Er wurde Achtzehnter mit 7435 Punkten, und er sah, wie der Amerikaner Bruce Jenner rauschhaft von einer Bestleistung zur anderen durch den Zehnkampf eilte, zum Weltrekord und zur Goldmedaille. Und er sah, daß Jenners Talent begrenzt war und sein Erfolg auf harter Arbeit beruhte. Wenn er mit seinem Talent ebenso hart arbeiten würde ... Daley Thompson nahm sich vor, Jenners Weltrekord von 8617 Punkten zu brechen und in acht Jahren Olympiasieger zu werden.

Er brauchte nur vier Jahre dafür. Als die acht Jahre herum waren, hatte Thompson seinen eigenen Weltrekord bereits zweimal bis auf 8847 Punkte verbessert, und er hatte als zweiter Zehnkämpfer der Sportgeschichte einen Olympiasieg wiederholt. Und er hatte den Mann geschlagen, der ihm zuvor den Weltrekord abgenommen hatte, den Deutschen Jürgen Hingsen. "Es wird einen tollen Zehnkampf geben", hatte Thompson zuvor gesagt, "Hingsen macht wahrscheinlich Weltrekord und wird Zweiter." Hingsen oder sonstwer, das Wichigste an seinen Gegnern ist ihm, daß sie da sind und daß sie als Athleten etwas taugen.