Es ist paradox: Tag für Tag schüren Politiker und Zeitungen die Aufregung, weil unser Land von ausländischen Asylbewerbern überschwemmt werde, zugleich regt man sich aber auch auf, wenn 154 Tamilen – offensichtlich unbemerkt von Polizei und Zoll – aus der Bundesrepublik nach Kanada entkommen. Jeder der Flüchtlinge zahlte lieber 5000 Mark für eine abenteuerliche Schiffsüberfahrt, als weiterhin im Schwebezustand des nicht anerkannten, aber auch nicht abgeschobenen Asylanten sein Schicksal deutschen Behörden anzuvertrauen.

Die Tamilen waren wegen der Asylanten-Debatte in Panik geraten. Auch litten sie unter dem Arbeitsverbot und der Einschränkung ihrer Freizügigkeit. Ohnehin fällt es tamilischen Flüchtlingen zunehmend schwer, hierzulande politisches Asyl zu erhalten. Bis zum Juli 1985 konnten Flüchtlinge aus Sri Lanka ungehindert über den Ostberliner Flughafen Schönefeld in den Westen reisen. Dann schlossen deutsche Politiker einen Kuhhandel: Die Bundesrepublik erhöhte einen Rahmenkredit für die DDR, und als Gegenleistung verlangte die ostdeutsche Fluglinie „Interflug“ künftig von Passagieren aus Sri Lanka ein bundesdeutsches Visum.

Am 3. Dezember 1985 fällte schließlich das Bundesverwaltungsgericht ein umstrittenes Urteil: Die tamilische Bevölkerung werde in Sri Lanka nicht „aus politischen Gründen im Sinne des Asylrechts verfolgt“; vielmehr richte sich „der Einsatz der srilankischen Sicherheitskräfte gegen den tamilischen Bürgerkriegsgegner und seine separatistischen Bestrebungen, nicht aber gegen die Tamilen aus rassischen Gründen.“ Wie dicht und untrennbar diese beiden Motive ineinander verwoben sind – was Ursache und was Wirkung ist –, ließ das hohe Gericht in seiner Urteilsfindung außer acht.

Lange Zeit war die Bundesrepublik das Hoffnungsziel der tamilischen Flüchtlinge. Insgesamt 37 000 Staatsbürger aus Sri Lanka haben seit 1980 Zuflucht in Deutschland gesucht. 1985 führten sie die Statistik der Asylbewerber an: 17 600, das waren 23,5 Prozent aller Antragsteller, suchten um Aufnahme nach. Im ersten Halbjahr 1986 fielen die Bürger aus Sri Lanka in der Statistik auf den achten Rang zurück: lediglich 4,4 Prozent der insgesamt 42 000 Ansuchen (führend: Iran und Libanon) stammten von Flüchtlingen der zerrissenen Insel.

Das Leben der Tamilen, die vorläufige Aufnahme fanden, wurde ebenfalls schwerer. 1985 wurden noch 37 Prozent ihrer Anträge anerkannt (und 61 Prozent der Anträge iranischer Asylbewerber). In der ersten Jahreshälfte 1986, nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichtshofes, waren es hingegen nur mehr 6 Prozent (Iran: 49 Prozent). Nunmehr sind es „individuelle Verfolgungsgründe“, die „sich als entscheidungserheblich“ erweisen.

An der deutschen Botschaft in Colombo stöhnen die Diplomaten unter dem Arbeitsanfall. Sie müssen nun versuchen, in den unzugänglichen Bürgerkriegsgebieten die Angaben der Asylbewerber zu überprüfen, im Chaos der Auseinandersetzung eine unlösbare Aufgabe.

Dennoch bleibt die Bundesrepublik ein Anziehungspunkt für die Tamilen. Viele haben Familienangehörige, denen es bereits gelungen ist, in Deutschland unterzuschlüpfen. Nun wollen sie nachkommen, ungeachtet der dürftigen Verhältnisse, unter denen ihre Verwandten vegetieren. So dürfen beispielsweise die Antragsteller während des langwierigen Verfahrens keine geregelte Arbeit annehmen: Viele der Rosenverkäufer, die etwa nachts durch Westberliner Restaurants und Cafés streichen, sind Tamilen. Ebenso liegt die nächtliche Auslieferung der Tageszeitungs-Abonnements häufig in ihren Händen. Rund 15 Pfennig lassen sich dabei pro Exemplar verdienen.