Notizen von einem Segelflieger-Treffen in Nevada

Von Ulrich Schiller

Ach du liebe Zeit! Die "Grob 102", die vor mir gestartet ist, müht sich da unten über dem Felshang, um über die Bergkette zu kommen, über die auch ich will. Bald hält sie die Nase über eine Geröllhalde, bald sucht sie das ausgetrocknete Bett eines Schmelzwasserbaches ab. Aber wo normalerweise bei dieser Sonneneinstrahlung gute Thermik zu vermuten wäre, reißt ein bockiger Nordwestwind heute alles auseinander, was dem Segelflieger den ersehnten "Lift" bringen würde.

Doch über der Bergkette haben sich Kumuluswolken aufgebaut. Mit Hängen und Würgen erreiche ich das Gebiet ihrer flüchtigen Schatten, und da, im Gesäß spürt man’s zuerst, ist auch prompt der Aufwind, der Lage und Stimmung so befreiend verändert. Wild schlägt die Nadel im Variometer nach oben aus, bis zehn, bis zum Anschlag, 1000 Fuß (330 Meter) Steigen pro Minute. Wahrscheinlich geht es sogar um einiges schneller. Felsen und Schluchten, eben noch in bedrohlicher Nähe, bleiben zurück. Der Wind faucht am Kabinenfenster, kreisend ziehe ich den Wolken entgegen, die über dem Bergrücken in 4500 Meter Höhe in mehreren Straßen nach Osten verschwimmen. Die weißen Wattebäusche heben sich ab gegen grünliches Blau, in dem Himmel und ferne Gebirge zusammenfließen; tief unten eine rötlichbraune Mondlandschaft und der Salzkreis eines flachen Sees, der wie ein totes Auge in den Himmel starrt. Im Westen die Sierra Nevada, eine Gipfelkette, so weit das Auge reicht, besät mit Hunderten und Tausenden von Schneefetzen und Schneefeldern. Die Herrlichkeiten dieser Erde! Herausschreien möchte man das Glück, lauthals jubeln. Und dann drücke ich die Nase meines "Pegasus" etwas nach unten und beeile mich, Kurs auf den Wendepunkt zu nehmen.

Marion hatte die Strecke ausgetüftelt. Marion hatte den Barographen versiegelt, die Instamatik für die Zielphotos geladen und dann auf der Karte mit dickem Stift mögliche Außenlandeplätze eingekreist. Und: "Hast du auch genug Wasser?" Das war fast wichtiger als alles andere. Piloten von der Ostküste könne man nicht eindringlich genug danach fragen. Tatsächlich hat das Wort "dehydration" – der Zustand, wenn dem Körper durch die trockene Hitze zuviel Wasser entzogen wird – bei Segelfliegern in den Wüstenlandschaften des amerikanischen Westens einen ähnlichen Klang wie anderswo die Pest. Ich hatte die Geschichte eines Piloten gehört, der seine Maschine eine halbe Meile vor der Landepiste in den Sand setzte und sich seiner Fehlleistung zunächst gar nicht bewußt war. Wassermangel. Da schleichen sich Trugschlüsse ein.

Marion B. hatte als Stewardeß angefangen. Eines Tages wollte sie selber fliegen. Motorflug zuerst – dann die Entdeckung des Segelfliegens. Über dieser Leidenschaft ging die Ehe in die Brüche, obwohl Marion nicht zu den Puristen gehört, die Motorflugzeuge nur insoweit billigen, als sie Segelflugzeuge schleppen. Sie kratzte alle Ersparnisse zusammen und kaufte sich bei Linda D. als Partner ein – was für Linda ein Segen war, denn Linda und ihre Gedanken, soweit das zu erkennen ist, sind fast immer in der Luft. Schreibkram, selbst das Ausfüllen von Rechnungen für Schüler und Mietkunden, ist ihr zutiefst zuwider. Wenn’s ums Fliegen geht, läßt die drahtige Sportlerin nichts unversucht. Neuerdings trägt sie sich mit dem Gedanken, einen Raumanzug zu erwerben. Bob Harris’ Jagd nach dem Höhenrekord im Segelflug hat sie angesteckt.

Harris, ein Stahlkammern aus Los Angeles, hat im Februar dieses Jahres 16 000 Meter Höhe erreicht; genaugenommen – das sagt er jedem, der mit ihm über sein Abenteuer spricht – waren es nicht nur 48 000 Fuß, wie überall zu lesen, sondern 49 090 Fuß. Er hatte eine "Grob 102" innen etwas gegen die Kälte isoliert und dann auf den Tag mit dem richtigen Wetter gewartet. Wenn kräftiger Westwind vom Pazifik frontal gegen die Sierra Nevada bläst und in einer Aufwärtsströmung das mächtige Gebirge übersteigt, bilden sich auf der Rückseite Wellen, die über die Höhe des Gebirges weit hinausschwingen. Bob Harris erzählt, zum Schluß sei die Kabine völlig vereist gewesen und er habe nur noch nach Instrumenten fliegen können. Bobs Ehrgeiz, so scheint es, ist im Augenblick befriedigt. Linda allerdings wälzt kühne Pläne, wie man noch höher hinauskönnte.