Mindestens zweitausend Menschen kamen in Kamerun bei einem ungewöhnlichen, natürlichen Gasausbruch ums Leben.

Eine bisher ungeklärte Eruption trieb eine große Menge giftiger Dämpfe vom Grund des Nios-Kratersees im Süden des afrikanischen Landes an die Oberfläche, wobei im Gegensatz zu gewöhnlichen Vulkanausbrüchen kein Staub und keine Lava in die Luft geschleudert wurden.

Zunächst hatte Kameruns Informationsminister Georges Ngango mitgeteilt, Schwefelwasserstoff sei verantwortlich gewesen. Vulkanismus-Experten hielten dies von Anfang an für unwahrscheinlich. Sie vermuten hinter der todbringenden Wolke die Gase Kohlenmonoxyd oder Kohlendioxyd. Beide Substanzen sind schwerer als Luft und könnten sich durch die Täler des Kamerun-Hochlandes gewälzt haben – durch eine fruchtbare, von Bauern und Wanderhirten besiedelte Region.

Gasausbrüche wie jener vom Niossee sind nichts Ungewöhnliches entlang der „Kamerun-Linie“, einer Gebirgskette zwischen dem 4070 Meter hohen Kamerun-Berg und dem Emi Kussi Krater in Tibesti, an der sich eine ganze Serie von heute erloschenen Vulkanen aneinanderreiht: Ein Wissenschaftler-Team der amerikanischen Universität in Rhode Island untersuchte im Jahr 1985 mysteriöse, bisher nicht vollständig geklärte Todesfälle am nur wenige Kilometer südlich des heutigen Katastrophenortes gelegenen Monoun-See. Besucher hatten dort vor zwei Jahren im Sommer einen Mann entdeckt, der scheinbar auf seinen Motorrad eingeschlafen war. Sie bemerkten, daß er tot war, und es gelang auch Ihnen selbst nur mit Mühe, einer unsichtbaren Giftgaswolke zu entfliehen. Wenige Stunden später fand man insgesamt 37 Menschen mit blutigem Schaum vor dem Mund, die auf dem Weg zum Markt des nächsten Ortes erstickt waren.

Doch nicht ein Vulkanausbruch, so resümierten die Wissenschaftler, hatte die 37 Menschen umgebracht, sondern eine verhängnisvolle Kette von chemischen Reaktionen am Grunde des Sees. Dort hatten sich über Jahrtausende in verschiedenen Schichten unter dem hohen Druck der Wassermassen vulkanische Gase wie Kohlendioxyd oder Schwefelwasserstoff angereichert. Durch Erschütterungen – ein kleines Beben oder Erdrutsche –, so vermuten die Forscher, war dieses Gleichgewicht am Grunde des Sees durcheinander gekommen und hatte vor allem gelöstes Kohlendioxyd in höhere Schichten gewirbelt. Wie bei einer Sprudelflasche konnte das Gas so dem Überdruck entkommen, blubberte in riesigen Blasen an die Oberfläche und löste eine fünf Meter hohe Flutwelle aus, die alle Gebäude am Ufer verwüstete.

Das Kohlendioxyd schob sich daraufhin durch die nahegelegenen Täler und ließ Tier und Mensch ersticken. Ein ähnliches Unglück, berichtet der Vulkanexperte Jörg Keller von der Universität Freiburg, hatte im Jahr 1979 in den Bergen der indonesischen Insel Java 150 Personen das Leben gekostet. Die Menschen waren vor den rumorenden Gasblasen eines nahegelegenen Sees in das nächste Tal geflüchtet: Dort wurde ihnen eine nur zwei Meter hohe Giftgaswolke in dem Kessel zum Verhängnis.

Während Fachleute vergleichbare Gasausbrüche in europäischen Vulkansetn, wie etwa den längst nicht mehr aktiven Eifel-Maaren, ausschliefen, birgt der Grund des Kivu-Secs an der Grenze zwischen Zaire und Ruanda zum Beispiel ebenfalls unter Druck gespeicherte Vulkangase. Genau wie die übrigen Kraterseen Kameruns: Der isländisch-amerikanische Vulkanologe Haraldur Sigurdsson hatte in seiner Analyse des Monoum-Unglückes die Katastrophe der vergangenen Woche vorausgesagt. Jederzeit, schrieb er Ende vergangenen Jahre, könne sich ein ähnlicher Gasausbruch entlang der Kamerun-Linie wiederholen. Reiner Klingholz