Von Manfred Schuler

Unter dem Titel Der Spion stellte sich im Januar 1784 in Wien ein neues Journal vor, das dem Leser versprach, alle wichtigen und merkwürdigen Begebenheiten aus Politik, Gesellschaft, Kultur und aus den Wissenschaften "mit dem Pinsel der Wahrheit zu schildern". "Dieser Spion", so verhieß die Ankündigung, "ist in der Lage, großen und kleinen Gesellschaften beizuwohnen, wo er mit durchdringendem Auge und offenem Ohre die feine Politik oder die unanständige Lebensart, die geistreichen oder vernünftelnden Redensarten, die witzigen oder kahlen Einfälle, die großmütigen oder niederträchtigen Behandlungen, kurz, alle merkwürdigen Begebenheiten, die da vorgehen, auffangen und aufrichtig hersagen wird. Doch wird er niemand persönlich verraten, wenn es eine Beleidigung verursachen könnte."

Gleich mit der ersten Nummer versuchte Der Spion in die vollen zu gehen: Prompt handelte der Zensor, nach dessen Wirken das Manuskript aussah, "als wenn es in der Heiligen Inquisition gewesen wäre". Immerhin durfte Der Spion über die Freimaurerei, über "Unnütze Vermehrung der Heiligen" und über Betrügereien der verschiedensten Art berichten. So erfuhr der Leser, daß manche Bäcker ihren Semmeln "schädliches Zeug" wie Zucker, Pottasche (kohlensaures Kalium), Hopfenbrühe oder gar eine Lauge von Hühnerkot beimengten, daß sie, um weißes Brot herzustellen, Alaun (Kalium-Aluminium-Sulfat) unter das Mehl mischten. Der Spion berichtete von Händlern, die ranzige Butter durch beigemengtes Bleiweiß in scheinbar frische und köstliche Butter verwandelten. "Daß diese Butter äußerst nachteilig ist, werden die Ärzte beteuern", vermerkt Der Spion lakonisch. Und, natürlich, nahm sich die Zeitung auch des Weins an, den die Österreicher damals schon gern tranken.

"Es gibt Weine, die nur ein Jahr alt sind, und die doch eine ebenso schöne Farbe, einen ebenso guten Geruch haben als Weine von 50 bis 60 Jahren. Die Herren Wirte, die dergleichen Weine haben, bewirken diese Verfälschung durch Blei, es sei nun Silberglätte, Minimum (Mennige, Bleioxyd), Bleiweiß, Bleiasche oder selbst metallisches Blei, von welchem sie in die sauren Weine eine bestimmte Menge auflösen. Ihre Hauptabsicht ist: ihre sauren Weine bald anzubringen, ob sie schon dem Menschen ein aquam Thophanam in den Leib hineinjagen."

Offensichtlich war Der Spion mit dieser Recherche nur auf die Spitze eines Eisberges gestoßen. Denn was er zum Thema Wein "im Monat Hornung 1784 ausspioniert" hatte, liest sich im zweiten Heft dann so: "Entdeckung eines unechten Champagnerweines. Man füllet eine kleine Flasche, die einen langen Hals hat, mit Champagnerwein und stecket den Hals der Flasche in einen Becher voll reines Wasser; ist der Wein unecht, das heißt, ist er mit Honig, Zucker oder mit einem anderen süßen Saft gemischt, so zieht sich dieser Zusatz in das Wasser, und der echte Wein bleibt zurück; ist er aber ganz echt, so bleibt auch alles in der Flasche. Auf diese Art können die meisten süßen und fast alle ausländer Weine geprüft werden."

"Entdeckung des Alauns und Vitriols im Wein. Da viele Weine in ihrer Natur eine Herbe haben, so suchen diese Gewinnsüchtige durch Alaun und Vitriol zu vertreiben. Man darf aber nur in einem solchen verdächtigen Wein eine Auflösung von einer Pottasche mit Wasser gießen, so wird er alsobald blaßrot, milchig oder grünlich."

Die Weine müssen damals üble gesundheitliche Folgen nach sich gezogen haben. Wie viele Menschen mögen damals erkrankt oder gestorben sein, ohne daß jemand die Ursache der Erkrankung auch nur im entferntesten ahnte.