Die Erklärung bot keine Überraschung: Nicht ein Rohrbruch – also weder Schlamperei beim Bau noch Fehler in der Konstruktion –, sondern menschliches Versagen habe dazu geführt, daß am Wochenende mehrere Millionen Liter Wasser das französische Kernkraftwerk Cattenom überschwemmten. Ein Ablaßventil in einem Nebenkühlkreislauf sei in der Erprobungsphase irrtümlich nicht geschlossen worden; Gefahr für die Umgebung habe nie bestanden, weil das Wasser nicht radioaktiv verseucht war.

Menschliches Versagen, so behauptet es auch der offizielle Moskauer Untersuchungsbericht, hat zur Katastrophe von Tschernobyl geführt. Zwar räumen die sowjetischen Wissenschaftler ein, der Einbau zusätzlicher Sicherungen in Reaktoren des Tschernobyl-Typs sei erforderlich (und bereits im Gange). Aber im Prinzip argumentieren Moskau und Paris nach demselben Muster: Wenn nur der Mensch, das fehlsame Wesen, aus dem sicheren Nuklear-Betrieb ausgeschlossen werden könnte... Der Betrieb selbst steht nicht zur Disposition.

Seit Monaten wehrt sich das Saarland politisch und juristisch gegen die Inbetriebnahme der vier Blöcke von Cattenom. Ob die Klage vor französischen Gerichten Erfolg haben wird, ist sehr zweifelhaft; und politisch befindet sich die Bundesrepublik in der unangenehmen Lage, nicht etwas von Frankreich fordern zu können, was Bonn höflich und München grob den Österreichern in Sachen Wackersdorf verwehrt: Mitsprache bei nationalen Entscheidungen. Im Augenblick gibt es wohl nur den Weg, den Minister Wallmann eingeschlagen hat: an die gute Nachbarschaft appellieren und darauf hoffen, daß Frankreich den deutschen Wünschen nach mehr Sicherheit Rechnung trägt. Alle europäischen Bürger – dies hat die strahlende Wolke von Tschernobyl bewiesen – müssen die Folgen eines GAU erleiden. Aber diese Einsicht bringt die Staaten noch immer nicht zur Verständigung auf internationale Standards. Auch die zum Glück harmlose Panne in Cattenom wird die internationale Zusammenarbeit kaum befördern; außer ein paar nassen Füßen hat es ja nichts gegeben.

Dem jüngsten Versuch der Bundesregierung, die Akzeptanz-Krise der Kernenergie durch erhöhte Sicherheit zu überwinden, verleiht Cattenom zusätzliche Dringlichkeit. Auf den ersten Blick erscheint einleuchtend, was der neue Umweltminister Walter Wallmann nun einleitet. Die bundesdeutschen Kernkraftwerke sollen so umgerüstet werden, daß auch die Folgen des Größten Anzunehmenden Unfalls beherrschbar werden, jenes GAU, der vor Tschernobyl der Öffentlichkeit als exotische Unwahrscheinlichkeit dargestellt wurde. Bislang waren unsere Atommeiler als die sichersten der Welt gepriesen worden; das – immerhin nicht geleugnete – Restrisiko glaubte man, politisch verantworten zu können. Jetzt soll dieses Restrisiko weiter verringert werden. Mehr Sicherheit mithin für bereits sichere Reaktoren: ein politisch riskanter Hochseilakt wenige Monate vor den Bundestagswahlen, liegt doch der Umkehrschluß nahe, daß bis jetzt etwas versäumt wurde. Gleichzeitig jedoch läßt ein namenloser Kraftwerker ein Ventil offenstehen und reduziert die hergebrachte Sicherheitsphilosophie auf den frommen Wunsch, der Mensch möge keine Fehler begehen.

Wallmann hat angekündigt, er werde nicht davor zurückscheuen, Reaktoren abschalten zu lassen, sollten sie den verschärften Sicherheitsbedingungen nicht genügen. Das ist vorerst nur eine Ankündigung; den Beweis für seine Entschlossenheit muß er noch antreten. Bis dahin enthalten seine Worte immerhin eine begrüßenswerte Distanzierung von der plumpen Propaganda: "Kernkraft ist sicher."

Selbst in der Politik kann der Zweifel zum Vater der Einsicht werden. Aber reicht sie weit genug? Ist denn – nur unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit – Kalkar zu vertreten? Oder Wackersdorf? Sind ein, zwei oder sieben in Beton gegossene Milliarden ein hinreichender Grund, unbedingt weiterzumachen? Im Kernkraftwerk Gundremmingen fuhr eine losgerissene Schraube unauffindbar durch die Eingeweide der Anlage, in Tschernobyl verstieß die Reaktormannschaft gegen Vernunft und Vorschriften, in Cattenom stand irrtümlich ein Ventil offen. Taugt der Mensch für die Atomtechnik? Horst Bieber