Kanzler Kohl versprach es kürzlich, des Wahlsiegs im Januar schon ganz gewiß: Im nächsten Kabinett wird es mehr Frauen geben. Ein Mann, ein Wort. Habt Vertrauen, Frauen! Doch was tun sie, die Christdemokratinnen Sie schlagen in ihren Kreisen bislang ganz ungewohnte Töne an, äußern spitze Zweifel, („Hoffen wir, daß es wahr wird“) machen freche Bemerkungen, agitieren gar. Nicht beim Kaffeekränzchen, nicht hinter vorgehaltener Hand, sondern in der CDU-Zeitung Frau und Politik: Heiner Geißlers „Abschied von der Männergesellschaft“, sein Essener Parteitag sei „mehr ein Vorzeigeprogramm als eine Leitlinie für die Politik der Partei“ gewesen.

Diesmal hätten sich mehr Frauen denn je um eine Kandidatur für den Bundestag beworben, berichtet die CDU-Autorin, „und zwar sehr gute Frauen“. Doch die „Männermafia“ hat wieder zugeschlagen: Wenn’s um die eigene Macht geht, halten die Männer zusammen. Gemeinsam verhindern sie, daß mehr Frauen in den Bundestag gelangen, und dies kann man überall verzeichnen: Ostwestfalen ist hier nicht besser als Nordbaden. Sieht so die ‚neue Partnerschaft zwischen Mann und Frau‘ aus? Da kann man nur sagen: Nein, danke.“ Auch CDU-Frauen hat nun die den real existierenden Machtverhältnissen angemessene (Geschlechter-) Kampfstimmung gepackt: „Frauen, überlegt euch Strategien, damit wir an die Ämter kommen, die wir brauchen!“

Die Sozialdemokratinnen werden ihr Klassenziel – 25 Prozent Frauen in der nächsten Bundestagsfraktion – ebenfalls nicht erreichen. Doch gemessen an der christdemokratischen Totalverweigerung gegenüber Generalsekretär Geißler hat die sozialdemokratische Basis sich geradezu tollkühn für ihre Frauen geschlagen: Sie können mit einem Anteil von rund 20 Prozent im nächsten Parlament rechnen.

Ihren eigenen Ansprüchen gerecht aber werden nur die Grünen – falls sie die Fünf-Prozent-Hürde schaffen. Dann werden in ihrer Fraktion sehr wahrscheinlich über 50 Prozent Frauen Politik machen. Sie versprechen aber: „Bei uns kandidieren auch Männer.“

Jenseits von Programm, Ideologie und Chancen scheint sich immer stärker so etwas wie ein Frauenkonsens zu bilden. Quer durch die Parteien ist die Diskussion um Quoten kein Tabu mehr, wird über Frauenförderpläne in Politik und Wirtschaft gebrütet, steht das Wahlrecht zur Disposition: Verhindert das bestehende Wahlystem mit Ein-Personen-Wahlkreisen die Chancengleichheit von Männern und Frauen? Helfen halboffene Listen wie bei den bayerischen Landtagswahlen? Die SPD will dazu im September „Experten“ (und Expertinnen?) anhören.

Ein Bonner Busengrabscher wird sicher in die Parlamentsgeschichte eingehen: der grüne Abgeordnete Hecker. Er mußte gehen, denn die grünen Frauen hatten über seine Fummelei nicht betreten geschwiegen, sondern sie ziemlich gnadenlos angeprangert und damit ein tabuisiertes Thema aufgegriffen: Die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Die Politisierung des Abgeordneten-Fehlgriffs ging zunächst sehr daneben: Jedermann verlustierte sich nur schadenfroh am „Busengrabscher“. Das war vor drei Jahren.

Im Juni dieses Jahres faßte das Europa-Parlament einen „Beschluß gegen Sexismus und Gewalt gegen Frauen“. Unter den acht Forderungen (zum Beispiel nach mehr Frauenhäusern, nach der Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe und des Sex-Tourismus) findet sich auch diese: „In den nationalen Rechtsvorschriften ... soll der Tatbestand der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz ... eingeführt werden.“ Die deutschen Christdemokratinnen stimmten dagegen oder enthielten sich. Darüber mokierte sich die sozialdemokratische Europa-Abgeordnete Heidemarie Wieczorek-Zeul. Ein parteipolitisches Scheingefecht, denn in der Sache ist man einig: Letzte Woche schrieb Familienministerin Rita Süssmuth ein Forschungsprojekt aus, Thema: „Sexuelle Belästigungen der Frauen am Arbeitsplatz.“ Margrit Gerste