Von Joachim Riedl

Colombo, im August

Die schwüle Tropennacht hat ihn durstig gemacht. Staub vom nahen Cricket-Feld liegt in der Luft. Im Klubhaus der Stadtpolizei von Colombo, einem weitläufigen Gebäude im britischen Kolonialstil, herrscht bereits reger Betrieb. Der Polizeioffizier sitzt auf der Veranda, etwas abseits seiner Kollegen, und klammert sich an sein Whiskyglas. Kleine Schweißperlen stehen auf seiner Stirn: "Nein, nein und noch einmal nein: wir haben keine Zukunft auf dieser Insel. Wir müssen alle weg; entweder wir gehen freiwillig, oder sie werden uns vertreiben."

Er ist Tamile, Angehöriger der größten ethnischen Minderheit im Vielvölkerstaat Sri Lanka (das bis 1972 Ceylon hieß), die seit langem mit der singhalesischen Mehrheit des Inselvolkes in blutiger Fehde lebt. Dreißig Jahre lang hatte er pflichtbewußt im Detektivbüro der Hauptstadt gedient. Seine Karriere lief reibungslos: Er hoffte, zum Chefinspektor befördert zu werden.

Doch dann platzten vor drei Jahren die Bomben. Junge Tamilen griffen zu den Waffen und begannen, für ein selbständiges tamilisches "Eelam" (Heimatland) zu kämpfen. Der Inselstaat, bis dahin berühmt als Urlaubsparadies sonnenhungriger Europäer, stürzte in einen Bürgerkrieg. Plötzlich galt der erprobte Polizist als unzuverlässig. Ebenso wie viele tamilische Angestellte der staatlichen Fluglinie "Air Lanka", der Post, der Telephongesellschaft und des Rundfunk- und Fernsehsenders wurde er kaltgestellt. Nun sitzt er täglich vier Stunden beschäftigungslos in einem Büro; alte Freunde meiden den Umgang: "Ich bin zum Paria geworden."

Mit vielen Tamilen teilt er das Gefühl, ständig überwacht zu sein. "Ich muß sehr vorsichtig sein", sagt er, "die Wände haben Ohren." Ein Großteil seiner Familie hat die Insel bereits verlassen: drei Söhne schlüpften in Skandinavien unter, andere Verwandte flohen nach Australien und in die Bundesrepublik. Er selbst kann es sich noch nicht leisten, den Dienst zu quittieren; da würde er sein Gratisquartier in einer Polizeisiedlung verlieren, und sein jüngster Sohn könnte nicht das College absolvieren. Aber in einem Jahr will auch er auswandern – "wenn ich dann noch lebe".

Nach dem vierten Whisky lacht er laut und rauh und unbekümmert. Vom Nachbartisch mahnen argwöhnische Blicke zur Vorsicht. Er macht eine verächtliche Geste: "Die Singhalesen verstehen ohnehin kein Wort, wenn Englisch gesprochen wird. Die sind viel zu ungebildet."