Ritter, Dene, Voss spielen „Ritter, Dene, Voss“

Von Benjamin Henrichs

Zwei Schwestern, kein Stück von Tschechow. Ritter sitzt am Fenster, raucht Zigaretten, schaut in die helle Vormittagssonne. Dene schleppt das Geschirr herein – weil sie alle Hände voll hat, zwängt sie sich mit dem Körper durch die hohe Glasschiebetür, ein kleiner Schwung mit dem Hintern, und der Weg ist frei. Zwei Schwestern: nervöse Langeweile bei Ritter, neurotische Betriebsamkeit bei Dene.

Zwei Schwestern warten auf den Bruder; Ritter und Dene warten auf Voss. Der nimmt noch ein heißes, ein zu heißes Bad vor dem Mittagessen. Der Bruder ist Philosoph – er lebt dort, wo allein ein Geistesmensch noch leben und denken kann, in der Irrenanstalt, in ’Steinhof bei Wien. Die Schwestern haben ihn dort herausgeholt, ihn heimgeholt ins elterliche Haus.

So treffen sich Bernhards drei Geschwister dort, wohin sich Tschechows „Drei Schwestern“ nur träumen können: am Ort der Kindheit. Ihr „Moskau“ heißt Wien und ist demgemäß nichts als ein Alptraum. Eine weinrote (blutrote?) Jugendstil-Höhle, samt Standuhr, Kommode und Ahnen-Galerie. öffnet sich die hohe, buntverglaste Schiebetür, schaut man aus dem ovalen Salon hinaus, direkt auf einen großen, häßlichen Kühlschrank. Sehr sonderbar. Vom Salonstück ist es nur ein Schritt hinaus ins Schauerdrama.

Der geniale Karl-Ernst Herrmann hat die Bühne gebaut, Claus Peymann hat inszeniert, Thomas Bernhard hat das Stück geschrieben. Die großen Schauspieler Ilse Ritter, Kirsten Dene und Gert Voss spielen „Ritter, Dene, Voss“ – was bleibt ihnen übrig, da Bernhard ihnen sein Stück mit unerbittlicher Liebe gewidmet hat.

„Ritter, Dene, Voss“ ist kein Stück über die Schauspieler Ritter, Dene und Voss. Sehr einfach. Es ist ein Stück über die berühmt-berüchtigte Familie Wittgenstein. Voss wiederum ist eine Kombination aus Ludwig Wittgenstein, dem Philosophen, dem Bernhard schon oft, und Paul Wittgenstein, dem Verrückten, dem Bernhard schon in seiner Erzählung „Wittgensteins Neffe“ gehuldigt hat. Etwas kompliziert. Weil aber nun Thomas Bernhard beim Schreiben des Stücks auch an die Schauspieler Ritter, Dene und Voss gedacht hat, und weil nun die Schauspieler Ritter, Dene und Voss das Stück aufführen, ist „Ritter, Dene, Voss“ natürlich auch ein Stück über die Schauspieler Ritter, Dene und Voss. Und eines über Thomas Bernhard sowieso. Einfach kompliziert.