Hysterie und völkische Kleinkariertheit in der Asyldebatte

Von Theo Sommer

Bewahrt uns nur Zufall oder Mangel an Reisemöglichkeiten davor, daß wir in wenigen Jahren ein wegen Überfüllung von sozialen, nationalen, religiösen Konflikten erschüttertes Land mit asiatisch-afrikanischer Bevölkerungsmehrheit werden?“

Der Satz stammt aus einem Leitartikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Nicht von ungefähr wurde er in der National Zeitung bejubelt, die seit langem den „Notstand durch Asylanten“ heraufdräuen sieht und „durchgreifende Maßnahmen“ fordert, „um den deutschen Charakter Deutschlands zu erhalten“. Der FAZ-Leitartikler sieht dies nicht anders: Die grenzenlose Asylgarantie, orakelt er, könne unseren Staat „zwingen, die deutsche Nation im Westen Deutschlands aufzugeben“.

Machen wir’s halblang. Die Deichgrafen-Metaphorik der Unheilskünder – Flüchtlings-Springflut, Asylanten-Schwemme, Ausländer-Strom, Einwanderer-Welle – ist durch die Zahlen nicht gerechtfertigt. Hunderttausend Asylbewerber im Jahr, von denen zwanzig Prozent amtlich aufgenommen werden und weitere dreißig Prozent trotz Ablehnung im Lande bleiben – das wirft uns weder ökonomisch noch sozial aus der Bahn. Ein Ausländeranteil von 7,2 Prozent wirft uns auch nicht aus der Blutbahn. Viereinhalb unter 61 Millionen – das ist zu verkraften. Auch die Zahl der Einbürgerungen bietet keinen Anlaß zur Beunruhigung: Ganze 38 000 waren es im Jahre 1984, darunter – wenn man die „Anspruchseinbürgerungen“ von Volksdeutschen abzieht – 15 000 „Ermessenseinbürgerungen“. Ebensowenig rechtfertigen die Asylantenzahlen große Aufregung: 67 000 Genehmigungen wurden seit Anbeginn der Bundesrepublik erteilt; 270 000 abgelehnte Bewerber leben noch bei uns, davon zwei Drittel aus Ostblockländern.

Gewiß kann niemand von uns erwarten, daß wir Dutzenden von Millionen Menschen aus der geplagten Dritten Welt Zuflucht bieten – bei einer neuerlichen Kulturrevolution in China, einem Bürgerkrieg in Nigeria oder einer Zeit blutiger Wirren in Indonesien. Ultra fasse nemo obligatur: Keiner ist zu mehr verpflichtet, als er zu leisten vermag. Das Grundgesetz verlangt nicht die Selbstpreisgabe von uns. Es fordert nicht, daß wir uns wegen eines Verfassungsrechts finanziell ruinieren oder als Nation aufgeben. Aber von dieser Grenze sind wir meilenweit entfernt. Bisher kann keine Rede davon sein, daß wir uns einen größeren Ausländeranteil aufgehalst hätten, als wir psychologisch und wirtschaftlich bewältigen können. Vor „übertriebener Menschlichkeit“ braucht niemand zu warnen. Das Faß läuft keineswegs über, wie aufgeregte Politiker und Publizisten der Öffentlichkeit in der Asyl-Diskussion der letzten Wochen haben weismachen wollen.

Heuchlerische Diskussion