Fast erscheint das Ganze wie die Schachpartie, die Garry Kasparow und Anatolie Karpow in einem feinen Hotel des Londoner Westends ausfechten. Bei dem Spiel, das Michail Gorbatschow und Ronald Reagan gegenwärtig auf dem Brett der Weltpolitik austragen, geht es nicht um eine andere Art von Weltmeisterschaft: Sie bereiten sich auf den nächsten Gipfel der beiden Supermächte vor.

Gorbatschow spielt Weiß; er hat die Initiative an sich gerissen. Das war im Abrüstungsschach der Weltmächte bisher ungewöhnlich; in der Regel haben die Russen lieber abgewartet, bis die Amerikaner den ersten Zug getan hatten. Aber Reagan zögert. Er sieht sich nicht unter Zeitdruck. Anders Gorbatschow: Wenn der Kremlführer die wirtschaftliche Grundlage der sowjetischen Rüstung sichern und zugleich die Rüstungsdynamik des amerikanischen Rivalen bremsen will, dann muß er der anderen Seite mit eigenen Vorschlägen zu Leibe rücken – und sei es nur, um den Spielraum des Mannes im Weißen Haus einzuengen. Just darum ging es auch bei der vierten Verlängerung des einseitigen Atomversuchsstopps bis zum Jahresende, die Gorbatschow eben verkündet hat. "Die Sowjetunion ist überzeugt, daß ein Abkommen über die Einstellung der nuklearen Tests schnell erreicht und bereits in diesem Jahr bei einem sowjetisch-amerikanischen Gipfeltreffen unterzeichnet werden kann", erklärte er am 19. August im Fernsehen. "Es wäre eine Art Vorspiel zu weiteren Fortschritten."

Als Ronald Reagan 1981 ins Weiße Haus einzog, da waren es die Amerikaner, nicht die Sowjets, die in der Abrüstungsdiplomatie über den größten Manövrierraum verfügten. Das verdankten sie nicht nur dem Umstand, daß Moskau unter der Ägide Gromykos auf stur geschaltet und nach Beginn der Nachrüstung die Konferenztische verlassen hatte. Reagan und seine Berater hatten sich auch eine "Philosophie" der Rüstungskontrolle zurechtgeschneidert, deren Maximalforderungen gleichermaßen auf die Zustimmung der öffentlichen Meinung wie auf die Ablehnung Moskaus zählen konnte.

Überwachung als Selbstzweck?

Erstens erklärte Reagan die vorangegangenen Bemühungen um Rüstungskontrolle für "von Grund auf verfehlt". An die Stelle von bloßen Rüstungsbegrenzungen – wie den Salt-II-Vertrag von 1979 – sollten tiefe Einschnitte in die Arsenale beider Mächte treten (was die Sowjetunion stets zurückgewiesen hatte).

Zweitens machte sich der Präsident im Streit um die Mittelstreckenwaffen eine Formel zu eigen, die gut aussah, wenngleich sie kaum realistische Lösungen versprach: die globale Null-Lösung. Den Einwand, die Sowjets würden ihre bereits in großer Zahl aufgestellten SS-20-Raketen nicht einfach verschrotten, wischte er mit der jovialen Anweisung an seinen Unterhändler Paul Nitze beiseite: "Well, Paul, sagen Sie den Sowjets, daß Ihr Boß ein verdammt harter Bursche ist."

Drittens legte Reagan die Latte für wirksame Rüstungskontrolle so hoch, daß sie auf absehbare Zeit schwerlich zu überspringen war. Die Voraussetzung jedes Abkommens mit der kommunistischen Großmacht sei, daß die Einhaltung der gegenseitigen Verpflichtungen voll und ganz überprüft werden könne – ein bei der modernen Aufklärungs- und Rüstungstechnik gleichermaßen unmögliches und unnötiges Verlangen. Verifikation, die Überwachung der getroffenen Vereinbarungen, wurde zum Selbstzweck stilisiert. Mit dem Segen des Weißen Hauses startete das Pentagon obendrein eine Kampagne, die den Sowjets die Verletzung fast sämtlicher früherer Abkommen anlastete, auch dort, wo die Beweislage dürftig blieb. Das Beste, so der Tenor, sei gerade gut genug für Amerika und die Welt – entweder perfekte Rüstungskontrolle oder gar keine.