Wenn etwas die Deutschen charakterisiert und von anderen Völkern unterscheidet, dann die immerwährende Ungewißheit ihrer selbst, die deutsche Frage: Wer sind wir? Die vielberufene Identität der Deutschen besteht offenbar darin, keine zu haben. Zu den Folgen gehört eine nie ans Ende kommende Literaturproduktion. Zwei Neuerscheinungen verdienen Interesse:

Martin Greiffenhagen: Von Potsdam nach Bonn – Zehn Kapitel zur politischen Kultur Deutschlands; Piper Verlag, München 1986; 264 S., 32,– DM;

Michael Stürmer: Dissonanzen des Fortschritts – Essays über Geschichte und Politik in Deutschland; Piper Verlag, München 1986; 336 S., 39,80 DM.

Zwar handelt es sich um Sammelbände, um Aufsätze, Vorträge und das sonstige, das sich über die Jahre angesammelt hat – mit einschlägigen Ärgernissen: Der eine Text ist gelehrsam mit Fußnoten gespickt, die im anderen fehlen; die glücklich gefundene Formulierung kehrt wieder und wieder; manche Beiträge haben nur am Rande mit dem Leitthema zu tun; Schwerpunkte werden mehr durch den Zufall des Vorhandenen als durch Systematik bestimmt. Mitunter verblüfft auch die Geschwindigkeit des Güterumschlags: Im Abstand von Monaten taucht neu auf, was gerade noch als Einleitung einen anderen Sammelband schmückte.

Aber sei’s drum! Was bleibt, bietet die Chance, sich zum eigenen Denken anregen zu lassen, besonders dann, wenn man beide Bücher nebeneinander liest. Ein reizvoller Kontrast: Greiffenhagen ist Politikwissenschaftler und im herkömmlichen Schema dem „linken“, progressiven Lager zugeordnet, während der Historiker Stürmer zum „rechten“, konservativen Gegenlager gezählt wird. Wer sucht, der findet; Greiffenhagen formuliert bündig:

„Das Bild von den beiden Waagschalen, in deren einer die Freiheit und in deren anderer die Gleichheit das Gewicht ausmachen, ist verführerisch, aber falsch. Der Gegensatz zur Freiheit bleibt Unfreiheit, und das Gegenteil von Gleichheit ist nicht Freiheit, sondern Ungleichheit.“ Stürmer trägt seine Gegenposition in der geschichtlichen Einkleidung vor: „Daß deutsche Einheit und europäisches Gleichgewicht nicht zusammenstimmten, so wenig wie bürgerliche Freiheit und demokratische Gleichheit – 1848 wurde aus theoretischer Einsicht praktische Erfahrung.“

Wer die Erfahrung zum Maßstab nimmt, neigt zum Pessimismus: Die Menschen sind, wie sie sind, und was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen. Stürmer glaubt, daß vieles brüchig wird, was bisher galt, sogar die Fundamente, auf die die Bundesrepublik gegründet wurde; um den Versuchungen standzuhalten, die sie in der Zukunft wahrscheinlich erwarten, werden die Deutschen mehr Vernunft brauchen, als ihnen je zu Gebote stand. Bei Greiffenhagen dagegen spürt man einen Grundton von Optimismus: „Die Demokratie faßt Fuß“, heißt ein wichtiges Kapitel, das sich auf die Meinungsforschung und den internationalen Vergleich stützt. Demokratische Verhaltensformen finden immer mehr Zustimmung; die Werte älterer westlicher Demokratien werden vielfach schon erreicht und manchmal übertroffen; je jünger die Jahrgänge, desto besser sieht es aus. In solcher Perspektive läßt sich selbst der für Deutschland charakteristischen starken Spannung zwischen den Generationen durchaus Positives abgewinnen, die den Konservativen als drohender Kontinuitätsbruch ängstigt.