Studenten der Universität München haben in ihrer Zeitung Münchner Blätter ein Gespräch mit Philosophieprofessor Robert Spaemann über die Entwicklung der Kernenergie „nach Tschernobyl“ geführt. „Welchen Sinn kann es gegenwärtig haben,“ fragten sie ihn, „einen ethischen Standpunkt in dieser Kontroverse zu beziehen?“ Robert Spaemann antwortete unter anderem:

„Ich sehe eigentlich nicht, daß der Unfall von Tschernobyl in der grundsätzlichen Sicht der Sache irgendetwas geändert hat. Die ganzen Diskussionen gingen nur um die Frage der Wahrscheinlichkeit. Nun ist Wahrscheinlichkeit eine subjektive Kategorie. Man kann sagen, was einen gewissen Grad an Wahrscheinlichkeit hat, kommt nur alle, was weiß ich, hunderttausend Jahre vor. Aber dieses einmalige Vorkommen kann schon morgen sein. Darüber sagt die Wahrscheinlichkeit nichts. Deshalb ist meine These schon seit langem gewesen, daß es Risiken eines gewissen Ausmaßes gibt, die wir prinzipiell nicht eingehen sollten, auch dann nicht, wenn die Wahrscheinlichkeit des Eintrittes eines solchen Unglücks sehr gering ist...

Um zu sagen, daß unsere Nutzung der Kernenergie ethisch gerechtfertigt sei, müßte man behaupten können, daß bei uns erstens Unglücke von diesen Ausmaßen wie dem in Tschernobyl nicht eintreten können und nicht bloß, daß sie bei uns unwahrscheinlicher sind. Zweitens müßte das Problem der Endlagerung gelöst sein. Davon redet man im Augenblick nicht, weil das im Moment nicht das akute Problem ist. Ich las kürzlich, daß der zuständige sowjetische Minister erklärt hat, daß die Anlage von Tschernobyl, wenn es überhaupt gelingt, die Unglücksstelle zu isolieren und einzumauern, jahrhundertelang bewacht werden müsse. Ich habe immer die These vertreten, daß eine Endlagerung, die es erforderlich macht, die Gefahrenquelle zu schützen, unverantwortlich ist. Wir wissen nicht, wie eine Zivilisation bei uns in dreihundert Jahren aussehen wird. Wir haben keinerlei Garantie dafür, daß die wissenschaftlichtechnische Zivilisation so fortgesetzt werden wird. Das heißt, wir können überhaupt nicht wissen, ob die Informationen in hunderten von Jahren noch da sind, ob die politischen Einrichtungen so funktionieren, daß eine solide Bewachung möglich ist. Kurz: wir müssen hier kommenden Generationen eine Verantwortung aufladen, die wir nicht rechtfertigen können.“