Frankfurt

Frankfurt sucht weiterhin sein historisches Gedächtnis. In einer Stadt, die zum Synonym für postmodernes Bauen geworden ist, gerät eine solche Suche zwangsläufig zum Grenzgang zwischen Kommerz und Politik, Geschichte und Moral. Heikler noch als der Streit um die Bebauung des Römerbergs und die Rekonstruktion der Alten Oper ist der jüngste Versuch städtischer Identitätsfindung – die Neugestaltung des Börneplatzes, der bis zum Beginn der Nazi-Diktatur drei Jahrhunderte lang das Zentrum jüdischen Lebens in der Stadt gewesen ist.

Der Börneplatz ist heute ein Un-Ort, gezeichnet von der Aufbauwut der Nachkriegsjahre. Nur der alte Judenfriedhof existiert noch, eingekreist vom Dominikanerkloster, den Verwaltungsgebäuden der AOK und der Stadtwerke, einer sechsspurigen Autostraße und einer Kreuzung, auf der Verkehr Tag und Nacht flutet. Dazwischen ein wüster Flecken, unbebaut und staubig – der Börneplatz als Parkfläche.

Für Planer und Politiker aller Parteien war diese letzte große Freifläche in der City bis vor kurzem nicht mehr als ein städtebauliches Vakuum, das es zu füllen galt. Gegen die Stimmen von SPD und Grünen hat die CDU-Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung beschlossen, auf dem historischen Börneplatz für 80 Millionen ein Kundenzentrum der Stadtwerke zu bauen, an dessen Rückseite ein kleinerer „Neuer Börneplatz“ mit jüdischer Gedenkstätte entstehen soll. Schon hat der Magistrat das 6000 Quadratmeter große Gelände an die Stadtwerke verkauft, die in Zukunft alle Dienststellen in der Innenstadt konzentrieren möchten. Ein Jahr nach der Auseinandersetzung um das Fassbinder-Stück droht wieder eine Entzweiung zwischen der Stadt und der Jüdischen Gemeinde, die den ganzen Börneplatz als zentrale Erinnerungsstätte für die Leiden der Frankfurter Juden sehen möchte.

Die Spur des Leidens rund um diesen Platz ist lang, sie führt zurück bis ins Mittelalter mit seinen als „Judenschlachten“ bekanntgewordenen Massakern, nach „Neu-Ägypten“, wie die ins Getto der Judengasse Verbannten ihr Elendsquartier nannten. Noch den alternden Goethe erfüllte die Erinnerung andie Gasse mit Abscheu, angesichts der Enge, des Schmutzes und Menschengewimmels. Ludwig Börne, Zeitgenosse Heines und Hauptvertreter des Jungen Deutschland, bezeichnete die Behandlung der Juden in Frankfurt als „einen Roman der Bosheit“. 1786 wurde Börne, der bis zu seinem Übertritt zum Protestantismus Juda Low Baruch hieß, im Getto geboren. Die 330 Meter lange und drei Meter breite Gasse, in der bis zu dreieinhalbtausend Menschen lebten, war eine Stätte der Not, sie galt aber auch als geistiges Zentrum des westeuropäischen Judentums.

Die Nationalsozialisten haben gleich zu Beginn ihrer Herrschaft den Platz umbenannt. Sie gaben ihm den Namen des angrenzenden Klosters und nannten ihn Dominikanerplatz – ein Versuch, nicht nur die Erinnerung an den radikalen Republikaner Börne auszulöschen. Das ganze Judenviertel, dessen Mittelpunkt der Börneplatz war, sollte ins Vergessen gestoßen werden. Dort lebte bis 1933 noch die Hälfte der Juden – meist arme Leute, Arbeiter, Handwerker, kleine Händler. Die Flammen, in denen am 9. November 1938 die Synagoge am Börneplatz aufging, lassen das zwei Jahrzehnte zuvor von Max Beckmann geschaffene Gemälde des Bethauses als Menetekel erscheinen, das vom drohenden Untergang kündet. Von den einst 30 000 Frankfurter Juden lebten Ende des Dritten Reiches nur noch 30 in der Stadt. Erst im Jahre 1978 erhielt der Platz, auf eine Initiative der Kirchheimschen Stiftung, seinen ursprünglichen Namen zurück.

Als die Neugestaltung des Börneplatzes vor zwei Jahren ausgeschrieben wurde – sieben namhafte Büros nahmen an dem Architektenwettbewerb teil – wurde die Errichtung einer jüdischen Gedenkstätte nicht als Aufgabe genannt. Lediglich eine Gedenktafel zur Erinnerung an die Synagoge am Börneplatz sollte angebracht werden. Es bedurfte des Entschlusses Wallmanns, damals noch Oberbürgermeister, um in letzter Minute im Entwurf des Wettbewerbsiegers, des Schweizer Archiv tekten Ernst Gisel, einen Ort für eine Gedenkstätte zu finden. Die im rückwärtigen Teil des Platzes vorgesehenen Wohnhäuser wurden kurzerhand gestrichen und dadurch Raum geschaffen.