Glückszahlen-Ansagerin Karin Tietze-Ludwig ist Opfer eindeutiger Anträge. „Wenn ich Sie weiterhin verehren soll“, heißt es in einem Brief, „dann sagen Sie am nächsten Sonnabend meine Zahlen.“ Ein anderer Zeitgenosse ließ der Fernsehansagerin seine sechs Glückszahlen zukommen – „zur Verwendung am Wochenende. Hochachtungsvoll“.

Doch bei der allwöchentlichen Ziehung der Lottozahlen im Studio IV des Hessischen Rundfunks wird nicht betrogen. Es herrscht der unbestechliche Zufall. Millionär-Macher sind 49 ganz gewöhnliche Tischtennisbälle aus der laufenden Produktion einer Mannheimer Spielzeugfabrik.

Gemauschelt und gekungelt wird andernorts – in den Chefetagen mancher Lotterie-Gesellschaften. Hier halten Parteien und mächtige Sportverbände hochdotierte Ruhekissen parat. Sie machen alternde und altgediente Politiker und Sportfunktionäre zu ungekrönten Lottokönigen.

Gesellschaftsvorsitzende oder auch Präsidenten nennen sie sich selbst. Ihre Pfründe sind die elf, auf Länderebene organisierten Lotto- und Toto-Gesellschaften mit den 19 000 Wettschein-Annahmestellen im Bundesgebiet. Und die machen ein Riesengeschäft. Der Jahresumsatz 1985: über 6,7 Milliarden Mark.

Ihre Karrieren verdanken die Glücks-Geschäftsführer nicht selten einflußreichen Parteifreunden. Kungelei und Kumpanei, Proporzdenken und Pöstchengeschiebe brachte sie auf die mit viel Geld gepolsterten Throne. Ihr Jahresgehalt: bis zu 300 000 Mark.

Einer dieser Glücks-Manager ist Max Reimer, Geschäftsführer der Nordwest Lotto und Toto Hamburg. Er gibt zu, daß bei seiner Wahl zum Lotto-Chef „die Parteizugehörigkeit und frühere Verdienste eine Rolle gespielt haben“. Es wäre „dumm, das abzustreiten“, sagt Sozialdemokrat Reimer.

Er hat in Partei und Gewerkschaft Karriere gemacht: Dreherlehre, Besuch von Gewerkschaftsschulen, Akademie der Arbeit, IG-Metall-Kreisgeschäftsführer, Mitglied der Hamburger Bürgerschaft; und seit acht Jahren ist er Lotto-Chef in Hamburg.

„Ein bemerkenswertes Spektrum von menschlichen Unzulänglichkeiten und politischen Konflikten“ hat der Hamburger Senator und Präses der Finanzbehörde Horst Gobrecht im Lotteriegeschäft festgestellt, als Nordwest Lotto und Toto im vergangenen Jahr dreißig Jahre alt wurde.

Politische Konflikte wollte man bei der Bremer Lotto und Toto GmbH erst gar nicht aufkommen lassen. „Alle sind etwas geworden, nur mich übergeht man immer“, klagte der alternde Sozialdemokrat Horst Stäcker im Kreis von Freunden und Genossen schon mal, wenn er bei der Vergabe attraktiver Posten im Senat, in der Bremer Verwaltung oder bei den stadteigenen Betrieben übergangen worden war. Als es dann um die Neubestellung in der Bremer Glücks GmbH ging, führte kein Weg am verdienten Genossen Stäcker vorbei.

Seine Verdienste: Abgeordneter in der Bremer Bürgerschaft, Vorsitzender des Haushaltsausschusses, Landesgeschäftsführer bei der SPD-nahen Arbeiterwohlfahrt. Und damit der Wechsel ins Glücksgeschäft für den 55jährigen Stäcker nicht zu einem Risiko werden konnte, handelte er eine besonders attraktive Altersversorgung für sich aus. Aber damit nicht genug: Er pochte auch auf eine längere Vertragsdauer für den Posten. Die üblichen fünf Jahre reichten ihm nicht; es mußten schon acht Jahre sein. Dann nämlich ist Stäcker 63 Jahre alt und kann als Vorruheständler seinen Lebensabend genießen.

Damit die Lotto- und Toto-Gesellschaften zwischen München und Kiel wenigstens betriebswirtschaftlich korrekt geführt werden können, sind den politischen Glücks-Managern qualifizierte Finanzexperten zur Seite gestellt. Dem gelernten Elektrowickler und Bremer Lotto-Chef Stäcker beispielsweise hilft der erfahrene Kaufmann Harald Schnabel. Beim kleinsten Unternehmen im deutschen Lotto- und Totoblock geht es immerhin noch um neunzig Millionen Mark Jahresumsatz. Schnabel, der parteilose Glücksspiel-Spezialist, kritisiert die von der Parteigunst abhängige Personalpolitik in manch’ Lotto- und Toto-Unternehmen. Was da passiert, sei „wirklich bedauerlich“.

Die oppositionelle Bremer CDU nennt es „dreisten Genossenfilz“. Günter Klein, stellvertretender CDU-Fraktionsvorsitzender, ist sicher, daß Stäckers „parteipolitische Bindung“ bei der Kür zum Lotto-Chef „höchst förderlich“ war, denn die Bremer Lotto und Toto GmbH wird mehrheitlich vom SPD-Senat und von der Bremer Landesbank beherrscht. Der Einfluß der beiden anderen Gesellschafter – Landessportbund e. V. und Bremer Fußballverband e. V. – ist eher gering.

Im CDU-regierten Baden-Württemberg verfügt Sport-Toto-Geschäftsführer Alfred Entenmann über die karrierefördernden Qualitäten. Er ist Christdemokrat, präsidiert dem schwäbischen Turnerverband, war Bürgermeister in der Kleinstadt Waiblingen und Abgeordneter im Stuttgarter Landtag.

Mit Politik hatte das Glücksgeschäft freilich immer zu tun. Schon Preußenkönig Friedrich der Große ließ sich von Frauenheld Giacomo Casanova die Lotterie als „eine Steuer der exzellentesten Gattung“ schmackhaft machen. Sie sei exzellent, führte der venezianische Lebemann im Schloßpark von Sanssouci aus, „weil der König zum einen von seinen Untertanen nimmt und zum anderen nützliche Unternehmungen fördert“. Die nützliche Unternehmung, für die der Preußenkönig anno 1764 dringend Geld brauchte, hieß Militärakademie.

Die staatlich konzessionierten und monopolisierten Lotterien sind exzellente Steuerquellen geblieben. Im Glücksgeschäft werden von jeder verspielten Mark – in diesem Jahr werden es annähernd sieben Milliarden Mark sein – rund 50 Pfennig als Lotteriesteuer, Verwaltungskosten und andere Abgaben direkt einbehalten. Seit der ersten Ziehung der Lottozahlen im Jahr 1955 schöpfte der Fiskus auf diese Weise rund vierzig Milliarden Mark von den Lotterie-Gesellschaften ab.

Von den Lotto-Bürgern wird das bei der Hatz nach dem Glück bereitwillig in Kauf genommen. Sie spielen wie besessen. Zweistellige Zuwachsraten sind üblich; und das nicht erst, seit der L Osservatore della Domenica, die Sonntagszeitung des Vatikans, im Jahr 1962 seinen Lesern bestätigte, daß sie nicht sündigen, solange sie beim Spielen im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten bleiben.

Außerdem wird schließlich auch ein Großteil des Erlöses aus dem Lotteriegeschäft für Nützliches und Gemeinnütziges ausgegeben. Doch auch dabei kommt es zu auffälligen Amter- und Interessenverquickungen.

In Berlin beispielsweise wird das Glücksgeschäft – in der Hauptsache Lotto, Toto, Rennquintett, Spiel 77 – von der Deutschen Klassenlotterie Berlin (DKLB) abgewickelt. Die DKLB wiederum gibt zwanzig Prozent ihrer Umsatzerlöse an die Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin (DKLB-Stiftung) weiter. Dort entscheidet der Stiftungsrat, zusammengesetzt aus Mitgliedern des Berliner Senats und des Abgeordnetenhauses, über die Verteilung der einbehaltenen Glücksspielgelder. Allein 1984 konnte die DKLB-Stiftung 80,6 Millionen Mark vergeben.

Im DKLB-Stiftungsrat sitzt neben dem skandalträchtigen Ex-Innensenator Heinrich Lummer seit April 1984 auch Klaus-Rüdiger Landowsky, Fraktionsvorsitzender der Berliner CDU. „Lando“, wie Jurist Landowsky von politischem Freund und Gegner gekürzelt wird; hat nicht nur zum Bürgermeister und Ex-DKLB-Stiftungsratsmitglied Eberhard Diepgen, mit dem er gemeinsam Examen machte, glänzenden Kontakt.

Landowsky, die graue Eminenz der Berliner CDU, ist Vorstandsvorsitzender der Berliner Pfandbrief-Bank und der Wohnungsbau-Kreditanstalt Berlin. Landowsky ist Mitglied des Rundfunkrates beim Sender Freies Berlin, Mitglied des Aufsichtsrates der Berliner Revisions AG, Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, Steuerberatungsgesellschaft.

Und was sein Amt als DKLB-Stiftungsratsmitglied besonders prekär macht – Landowsky hat Stimme und Sitz in Vereinen und Gesellschaften, denen, seit er im DKLB-Stiftungsrat sitzt, erhebliche Gelder aus den Umsatzerlösen der Deutschen Klassenlotterie Berlin zugeflossen sind.

Der Neue Berliner Kunstverein e. V. mit Adresse am noblen Kurfürstendamm erhielt im vergangenen Jahr einen Zuschuß zur institutionellen Förderung in Höhe von 1,3 Millionen Mark. Kunstliebhaber Landowsky ist im Verwaltungsrat des Vereins.

Die Karl-Hofer-Gesellschaft – Freundeskreis der Hochschule der Künste Berlin e. V. – bekam 150 000 Mark als Zuschuß zur Finanzierung der Ausstellung „30 Jahre Karl-Hofer-Gesellschaft – 5 Jahre nach der Wiederbegründung“. Landowsky ist da Vorstandsmitglied.

Der Förderverein Junge Politik e. V., Landowsky ist Mitglied, erhielt im ersten Halbjahr des vergangenen Jahres 600 000 Mark – erste Rate eines Gesamtzuschusses in Höhe von 1,1 Millionen Mark. „Daß da der Lando die Finger im Spiel hatte“, hält ein Mitglied des DKLB-Stiftungsrates für eine „ausgemachte Sache“.

In den meisten anderen bundesdeutschen Glücksfabriken lassen sich solche personellen Verquickungen kaum nachweisen. Viele Lotteriegesellschaften führen die Gesellschaftsgewinne direkt in die Kassen der jeweiligen Bundesländer ab. Die Landesregierungen entscheiden dann über die Vervendung der Millionenbeträge.

Nahezu einheitlich dagegen ist die Oberaufsicht über das Glücksgeschäft geregelt. Fünfmal steht der Innenminister den Glückshändlern vor, sechsmal ist es der Finanzminister des jeweiligen Bundeslandes. Mit Stolz verweisen diese Politiker auf das gewinnbringende Spiel mit Fortuna. Sorgfältig hätscheln sie das Wohlfahrtsmarken-Image des Glücksspiels. Der Kölner Dom, der Dom von Xanten, die Porta Nigra in Trier, das Elefantentor in Berlin wurden zum Teil mit einbehaltenen Glücksspiel-Millionen renoviert. Lehrschwimmbecken, Senioren-Heime, Sporthallen konnten damit gebaut werden.

Die Verquickung von Politik und Lotteriegeschäft hält man wohl daher auch bei der Westdeutschen Lotterie GmbH & Co. mit Sitz in Köln und Münster „für eine ganz normale Sache“. Weil Glücksspiel eigentlich verboten und nur unter staatlicher Kontrolle veranstaltet werden darf, sei, wie ein West-Lotto Sprecher formuliert, „eine Geschäftsführung mit politischer Kinderstube“ notwendig.

Politische Kinderstube beim Umsatzriesen West-Lotto – rund zwei Milliarden Mark im Geschäftsjahr ’85 – bringt der ehemalige Chef des Arbeitgeberverbandes für das südöstliche Westfalen Theodor Schwefer (CDU) mit. Der 55jährige Sauerländer ist Vorsitzender des Verwaltungsrates beim Westdeutschen Rundfunk und saß bis zur Landtagswahl ’85 im nordrhein-westfälischen Landtag. Dort wäre Schwefer trotz des einträglichen Geschäftsführerpostens beim West-Lotto auch gerne geblieben, nur – die Wähler im Wahlkreis 142 schickten den Konkurrenten von der SPD ins Düsseldorfer Landesparlament.

Von Versorgungspöstchen oder politischen Mauscheleien will Christdemokrat Schwefer natürlich nichts wissen. „Überhaupt“, sagt Schwefer, sei bei ihm „der Ofen aus, wenn jemand nur wegen des richtigen Gesangbuches“ in eine Position gehievt wird. Er jedenfalls wähnt sich für das Lotto-Amt „dreimal qualifiziert“.

Wer bei West-Lotto in Köln und Münster – Werbemotto „Ran an die Möpse“ – einen Posten bekommt, das entscheiden die Gesellschafter – illustre Herren aus Politik und Wirtschaft.

In der Gesellschafterversammlung sitzt beispielsweise Wolfgang Kühr, Mitglied des Vorstandes der Westdeutschen Landesbank, deren Tochterunternehmen Nordwest Lotto ist. Mitspracherecht hat auch Ministerialrat Joseph Arling, Vertreter des nordrhein-westfälischen Finanzministers, Hubert Waldhausen, Ministerialrat und Platzhalter für den NRW-Innenminister. Als Ehrenmitglied fungiert Ex-Lottogeschäftsführer und Präsident des 1. FC Köln Peter Weiand. Von ihm stammt das Bekenntnis, daß „der Innenminister und auch die Westdeutsche Landesbank schon mal Leute empfohlen haben“.

Geht es bei solchen Empfehlungen nur um die Besetzung von Bezirksgeschäftsstellen oder einfachen Annahmestellen, Weiand könnte sich hie und da sogar auf das antiquierte Sportwettengesetz berufen, welches die Vergabe der Annahmestellen in Schwerbeschädigte und an verdiente Sportler ausdrücklich vorsieht. Über Postenvergabe an Politiker sagt das Sportwettengesetz freilich nichts.

Dennoch, politische Kinderstube ist in den Chefetagen des Unternehmens Glück gefragt. Es muß allerdings die richtige sein. Auch Christdemokrat Ferdie Behles, der eigentlich bis zum 30. September 1986 Geschäftsführer der Saarland Sporttoto GmbH bleiben sollte, bekam das zu spüren.

Kaum hatte Oskar Lafontaine den christdemokratischen Ministerpräsidenten Werner Zeyer im Landtagswahlkampf ’85 geschlagen, wurde auch in der Chefetage der saarländischen Lotterie-Gesellschaft rochiert. Der Direktorenvertrag des CDU-Geschäftsführers wurde gekündigt, und Sozialdemokrat Alfred Holzwarth, Geschäftsführer der Saarbrücker Parkhausgesellschaft, zum Nachfolger bestimmt. Jetzt spricht auf einmal die CDU Saarland, die bis vor kurzem noch ihren Mann im Lotto-Chefsessel hielt, von „skrupelloser Parteibuchwirtschaft“.

Ganz ungetrübt war das Lottoglück in der Bundesrepublik ohnehin nie. Es fing schon bei der ersten Ziehung der Lottozahlen im Oktober 1955 an: Im ehemaligen Hamburger Hotel Mau stehen zwei Waisenkinder, zwei Mädchen. Man hat sie mit einer Taxe aus dem Heim geholt und ihnen vor Beginn der Veranstaltung Kuchen und Kakao serviert. Waisenkind Elvira tritt an die mehrfach gedrehte Glückstrommel und zieht die erste Kugel. Es ist die 13.