WDR, Sonntag, 7. 9., 22.30 Uhr; BR, 4. 10., 22.35 Uhr; NDR, RB, SFB, 3. 11. 22 Uhr: „Keine Gnade für Ulzana“ von Robert Aldrich

Arizona, gegen Ende des letzten Jahrhunderts. Eine Frau und ihr neunzehnjähriger Sohn lenken einen Wagen voller Hausrat durchs Gelände – auf der Flucht vor ein paar Apachen, die ihre Reservation verlassen haben. Ein junger Soldat eskortiert sie. Plötzlich fällt ein Schuß, und eines der Zugpferde bricht zusammen. Der Soldat sieht die Indianer und flieht. Doch die Schreie der Frau rufen ihn zurück. Er galoppiert auf den Wagen zu und schießt der Frau eine Kugel in den Kopf. Dann zieht er den Jungen zu sich in den Sattel und versucht erneut zu fliehen. Aber er hat keine Chance mehr. Als die Apachen schließlich sein Pferd treffen, greift er sofort zum Revolver und tötet sich. Einer der Indianer beobachtet ihn dabei und spuckt verächtlich aus. Drei andere schneiden ihm mit dem Messer das Herz heraus und werfen es sich gegenseitig zu – als hätten sie einen Ball in der Hand. Den Jungen lassen sie in Ruhe.

Eine Szene, rasant und wild, grausam und schockierend, eine Szene, die jede Grenze des guten Geschmacks sprengt. Robert Aldrich zeichnet hier ein düsteres Bild des amerikanischen Westens – ohne beschönigende Mythen, aber auch ohne Anspruch auf historische Authentizität. Sein Film erzählt von der Schattenseite der Pionierzeit: Wo der Preis zu zahlen ist für die Arroganz der selbstverständlichen, der „weißen“ Herrschaft – mit Wunden und Leichen. Aldrich zeigt dabei weder edle Wilde noch gerechte Weiße, er zeigt einfach Männer und Frauen, die den Gesetzen und Konventionen ihrer Zivilisation folgen. Da bleibt nur wenig Raum für Verständnis, da bleibt vor allem Raum für Gewalt und Haß. Warum Indianer immer so grausam seien, fragt einmal ein Soldat einen Indianer, der für die Armee als Scout arbeitet. Nach dem Glauben seines Volkes, so die Antwort, erhalte ein Apache mit dem Tod seines Gegners dessen Macht und Stärke. Ein sterbender Mann gebe eben seine Kraft ab, wie ein Feuer Hitze abgebe. Und in diesem Land brauche man Kraft, um zu überleben.

Diese Antwort des indianischen Scouts ist vielleicht die nachhaltigste Irritation des Films. Aldrich zwingt hier seine Zuschauer dazu, etwas Fremdes und Unbegreifliches anzuerkennen: als fremd und unbegreiflich. Für ihn selbst verdeutlicht „Ulzana’s Raid“ auf mehreren Ebenen, „daß man durch Unkenntnis der Kultur, Religion und Sitten anderer Menschen unter diesen mehr Schaden anrichtet als durch gezielte Absicht.“

Von der thematischen Radikalität her ist dieser Hollywood-Western ein Meilenstein. Niemals zuvor, niemals danach reflektierte ein Film – mit den Mitteln des Unterhaltungskinos – so präzise und schonungslos das Verhältnis zwischen eingeborener und „weißer“ Gewalt. Einige der zur Einsperrung oder zum Sterben verurteilten Ureinwohner Amerikas stellen sich unter Führung ihres Häuptlings Ulzana ein letztes Mal zum Kampf. Sie stehlen, morden, brandschatzen, vergewaltigen Frauen. Sie stellen ihre Wildheit ganz selbstbewußt der weißen Ordnung entgegen. Die Antwort der Weißen darauf: eine Strategie der totalen Ausrottung. Dabei zeigt Aldrich aber, daß in entsprechenden Situationen die weißen Soldaten ähnlich brutal und grausam kämpfen.

Die weiße Position verdeutlicht Aldrich besonders am Beispiel eines jungen, unerfahrenen Offiziers (Bruce Davidson) und eines altgedienten Scouts (Burt Lancaster), die zusammen die Soldaten gegen die Indianer führen. Keiner der beiden stellt den Krieg gegen die Indianer grundsätzlich in Frage. Nur glaubt der junge Leutnant noch, er führe einen gerechten Krieg. So opfert er am Ende dafür auch die Hälfte seiner Männer. Der alte Scout dagegen weiß, daß es nicht um Gerechtigkeit geht, sondern nur um Herrschaft und Ordnung.

Von Anfang an ging „Ulzana’s Raid“, 1972 gedreht, der Ruf voraus, verstümmelt und zensiert zu sein. In verschiedenen Ländern liefen unterschiedliche Fassungen. Die Filmredaktion des WDR hat nun eine eigenständige Fassung hergestellt, die um fast zehn Minuten länger ist als die deutsche Kinoversion und um sieben Minuten länger als das amerikanische Original. Wer an diesem Film besonders interessiert ist, kann von dem zuständigen Redakteur, Roland Johannes, ein aufregendes Protokoll der WDR-Rekonstruktion erhalten. Norbert Grob