Mißtrauen tut gut

Neulich fand ich die Zeit zur Durchsicht der mich betreffenden Presseausschnitte des letzten Jahres. Außer Buchbesprechungen und Polemiken entnahm ich der Sammlung, daß ich im Laufe des Jahres an einer Unzahl von Tagungen, Kongressen, Symposien und Podiumsdiskussionen teilgenommen hatte, manche davon am selben Tag in weit voneinander entfernten Städten, unter anderem an einer nichtöffentlichen Diskussion über Sexualität, einer über das Recht der Kranken und einer Vortragsreihe mit Alberto Sordi. Ein Blatt aus Lecce meldete groß, ich hätte einen Vortrag über Donald Duck gehalten, indes der Artikel darunter beklagte, daß ich keine Vorträge über Donald Duck hielte. Einige Artikel werfen mir vor, ich nähme an zu vielen Kongressen teil, einer bemängelt jedoch mein Fehlen auf einem bestimmten Kongreß und beschuldigt mich der Arroganz.

Das Geheimnis der vielen Kongresse erklärt sich durch die simple Tatsache, daß die Veranstalter (die oft an Provinzialismus leiden) der Presse nicht die Liste der Teilnehmer geben, sondern die Liste der Eingeladenen. Was mich an den gewichtigen Band von Giulio Ser-Giacomi erinnert, der die Korrespondenz des Autors mit Einstein und Pius XII. enthielt: Es handelte sich um seine gesammelten Briefe an die beiden illustren Adressaten, die nie geantwortet hatten.

Journalisten sehen sich eher an jenen Helden von Pitigrilli erinnert, der eine dramatische Reportage über eine Hinrichtung schreibt, die in Wahrheit verschoben worden ist, oder an Pitigrilli selbst, der einen nicht gehaltenen Vortrag besprach. Es empfiehlt sich jedoch zu bedenken, daß Pitigrilli wie auch sein Held daraufhin entlassen wurden. Andere Zeiten.

Außerdem hatte ich, wie es schien, auch zahlreiche Interviews gegeben, die in Wahrheit zum Beispiel aus dem Manuskript eines meiner wenigen Tagungsbeiträge kompiliert worden waren. Ein Artikel mokierte sich über meine zu große Interviewfreudigkeit, ein anderer warf mir Starallüren vor, weil ich ein Interview abgelehnt hatte.

Ferner entnahm ich den Pressenotizen, ich hätte ein Theaterstück für Pippo Franco geschrieben, eine Sammlung von Studentenliedern herausgegeben, einen Roman über Mozart und eine Abhandlung über die TV-Show „Quelli della notte“ verfaßt, ich sei Berater einer Textilfirma gewesen, hätte mich an den Jubelfeiern einer Champagnermarke beteiligt, hätte die Qualitäten des Sangiovinese gerühmt (ich, dem schon beim Geruch von Rotwein übel wird), hätte einen Leserbrief an das Comic-Magazin Linus geschickt, unterzeichnet mit „eine Hausfrau aus Voghera“ und hätte das Treatment für den Film „Als die Frauen noch Schwänze hatten“ geschrieben (ein schwacher Moment des sonst trefflichen, leider vor kurzem verstorbenen Pasquale Festa Campanile).

Gewisse Meldungen, fand ich heraus, entstehen ganz einfach dadurch, daß ein Witzbold in einem Wochenblatt diversen Leuten parodierte Erklärungen unterschiebt, die dann von anderen Gazetten übernommen werden, als seien sie wahr.

Ich fand auch Meldungen, denenzufolge ich Vorwörter zu diversen Sonntagsautoren geschrieben hatte. In einem Fall ging ich der Sache bis an die Quelle nach und entdeckte, daß der betreffende. Autor (der Fall ist nicht selten) als Vorwort zu seinem Buch meinen höflich bedauernden Absagebrief veröffentlicht hatte. Der zuständige Redakteur hatte nur die vom Autor verbreitete. Pressemitteilung gelesen.

Mißtrauen tut gut

Vor fünfzehn Jahren hat man gesagt, auch wenn die Amerikaner damals nicht auf dem Mond gelandet wären, wär’s dasselbe gewesen, die bloße TV-Übertragung hätte genügt. Heute sind wir schon viel weiter. Die Übertragung ist gar nicht mehr nötig, Es genügt die bloße Pressemitteilung. Die Meldung erzeugt nicht mehr das Ereignis, die Meldung erzeugt die Meldung: absoluter Idealismus.

Bliebe mithin nur, die Lehrer und Eltern aufzufordern, den Kindern zu erklären, daß alles falsch ist, was in den Zeitungen steht, einschließlich dieser Streichholzheftklappennotiz. Doch gerade erst vor ein paar Wochen hatte ich hier geschrieben, daß viele Mitbürger, hätten sie nur auf die Presse gehört, nicht an Methanolvergiftung gestorben wären. Also was nun? Ich erinnere mich an eine Episode mit meiner Tochter, als sie noch sehr klein war. Sie sah sich gerade die Werbung im Fernsehen an, die behauptete, daß ein bestimmtes Waschmittel besser sei als die anderen, und ich (pädagogisch und demokratisch) sagte: „Glaub das nicht, das Fernsehen lügt.“ Dann kamen die Abendnachrichten und brachten die Meldung, daß es in Turin geschneit hatte, und meine Tochter sagte: „Das ist gelogen, stimmt’s?“ Ich mußte ihr also erklären, daß zwar die Werbung im Fernsehen lügt, aber die Nachrichten schon die Wahrheit sagten. Gleich darauf wurde mir bewußt, daß diese Erklärung im Widerspruch zu allen meinen Prinzipien stand, und ich präzisierte, daß die Nachrichten diesmal die Wahrheit sagten, aber nicht immer. Das arme Kind wußte nicht mehr, wann es dem Fernsehen glauben durfte und wann nicht... Dies, glaube ich, ist das Drama jeder auch nur minimalen Erziehung zum richtigen Umgang mit den Massenmedien.

Aus dem Italienischen Übersetzt von Burkhart Kroeber. Copyright:L’Espresso.