Von Elisabeth Wehrmann

Anfang der siebziger Jahre war sie eine von vielen Frauen, die auf einen durchschnittlich kaputten Lebenslauf zurückblicken konnte. Nach der üblichen gut gemeinten Erziehung in einer aufstrebenden Bürgerfamilie in Amsterdam eine zu früh eingegangene Ehe, die schief lief. Depressionen, Hausfraueneinsamkeit, ein Zimmer ohne Licht. Geld gab’s keins, dafür ein schreiendes Baby. Nach der Scheidung beginnt sie neu, entschließt sich zum Studium und übt, wie viele zu Ende der sechziger Jahre, Variationen zum Thema Befreiung: politische Arbeit, Wohngemeinschaftsleben, rasch wechselnde Beziehungen. Sie absolviert im Schnelltempo das ausgeleierte Repertoire des weiblichen Rollenangebots, spielt die Muse kreativer Theaterfreaks, profiliert sich als Trostspenderin frustrierter Ehemänner, leidet als verfügbare Geliebte geschäftstüchtiger Karrieristen und sieht sich immer mal wieder als Rivalin der langweiligen, aber dafür gesellschaftlich akzeptierten Ehefrauen chargieren.

Ein Ende der "Selbstzerfleischung" kommt mit der Erkenntnis, daß dieses Spiel kein Schicksal ist. Ganz langsam lernt sie, aus der Rolle zu fallen. Das beginnt damit, daß im Feindbild "Rivalin" die leidenden Schwestern erkannt werden, und führt die neu Verbündeten in schöner gemeinsamer Anstrengung dazu, die glänzenden Rollen der führenden Helden zu durchschauen wie weiland das unschuldige Kind des Kaisers neue Kleider.

Die Frauenbewegung wurde für Anja Meulenbelt, wie für viele Frauen, nicht nur zur Plattform für gesellschaftspolitisches Engagement im feministischen Sinne. Sie war vor allem auch das "warme Bett", in dem die alten Wunden heilen konnten. Wenn da persönliches Leid und politisches Unbehagen in einer Atmosphäre von Zärtlichkeit und Solidarität einander mitgeteilt und miteinander geteilt wurden, dann war das auch ein Versuch ‚ die eigenen Gefühle, auch die sentimentalen, auch die aggressiven, wahrzunehmen und zu benennen. Auch eine Suche nach dem, was sich hinter der durch die Jahrhunderte kultivierten‘ und individuell immer wieder antrainierten Maske verbergen mochte.

"Die Scham ist vorbei" heißt der Titel von Anja Meulenbelts erstem Buch. Ihre "persönliche Erzählung" ("pure Autobiographie, ungeläutert rausgekotzt") zeichnet einen weiblichen Entwicklungsprozeß, in dem sich viele Frauen erkennen konnten. Sie selbst hatte nicht mit einer großen Resonanz gerechnet: "Wer konnte schon Interesse haben an meinem chaotischen Leben, meinen Abenteuern im linken Milieu, meiner Serie unglücklicher Liebesgeschichten" – und irrte sich gewaltig. Ihr Buch wurde zum Bestseller im In- und Ausland; der Titel zum Programm (für alle, die Hilfe zur Selbsthilfe brauchten) und die Autorin zur "öffentlichen Frau".

Von feministischer Seite fehlte es nicht an Lobeshymnen: "Sprachrohr des Fortschritts", "Pionierin der Frauenbewegung" und ähnlich hießen die Etiketten für "das kluge Mädchen mit dem großen Mund, das die Männer so nervös macht".

Wenn die Frauen rundherum aufwachen, so lautete der hoffnungsvolle Ausblick von Anja Meulenbelts Buch, dann wird die Welt bewohnbarer. Keine Frage, sie wachten auf. Und für die nächsten zehn Jahre blieb Anja Meulenbelt ein Vorbild der Bewegung, als Redakteurin von Frauenzeitschriften, als Mitbegründerin des Frauenbuchverlags "Sara", als Autorin eines Sachbuchs über die Unterschiede zwischen den Geschlechtern, als Mutter und Erzieherin ihres Sohnes, als selbstbewußte lesbische Frau.