Bei den Grünen brach ein heftiger Streit aus, weil ein Bonner Fraktionssprecher einräumte, der Ausstieg aus der Atomenergie sei innerhalb von zwei Jahren nicht möglich. Jutta Ditfurth gehört dem Bundesvorstand der Grünen an.

ZEIT: Sie haben von einem „tragischen Wahlkampfauftakt“ für die Grünen gesprochen. Was ist tragisch?

Ditfurth: Die sofortige Stillegung aller Atomanlagen ist eine authentische Forderung der Grünen und identitätsstiftend für sie. Plötzlich kommt wegen einer Einzelmeinung ein Streit auf, der keine sachliche Grundlage hat. Da hat jemand – Willi Hoss –, der sich nicht auskennt oder näher an die SPD heran will, einfach eine Forderung fallenlassen, nachdem er zum Fraktionssprecher gewählt worden war. Das halte ich für tragisch.

ZEIT: Unproduktiv ist es allenfalls, wenn sich Fundis und Realos bekriegen wie zeitweise CDU und CSU. Ditfurth: Bei der Gründung der Grünen war allen sehr bewußt, daß wir diese Forderung haben; daß wir sagen, es gibt so viele lebenswichtige Gründe, gegen Atomanlagen zu sein. Inzwischen haben wir nachgewiesen, daß der sofortige Ausstieg möglich ist. Diese Forderung muß erhoben werden.

ZEIT: Dann müßten die Grünen aus der Koalition mit der SPD in Hessen ausscheiden.

Ditfurth: Das finde ich auch, ja. ZEIT: Und warum tun sie es nicht?

Ditfurth: Weil die hessischen Grünen geschlossen haben, an dieser Koalition um der Koalition willen mehrheitlich festzuhalten. Aber ich stimme mit Ihnen überein und sage, sowohl in Sachen Giftmüll, Beispiel Schönberg, als auch in Sachen Atomanlagen zeigt sich, daß Koalitionen keine geeigneten Politikformen sind, um inhaltliche Positionen der Grünen durchzusetzen. Im Gegenteil: Grüne Positionen werden verwässert.