Von Klaus Pokatzky

Aachen‚ im September

Der Himmel ist grau verhangen. Leiser Regen fällt. Der kalte Wind fegt durch die Gäßchen und über die Plätze um den Dom von Aachen, wo Tausende dichtgedrängt stehen. Sie starren zur "Galerie" hinauf, die, hoch oben und weithin sichtbar, um den Turm des Domes herumführt. Eine kleine Prozession kämpft sich dort droben durch Wind und Wetter. Viermal schreitet sie, gemessen und feierlich, um den Turm, bleibt während jeder Runde an sieben Stellen stehen, um von allen Seiten gut gesehen zu werden.

Hinter der Monstranz gehen sieben Ministranten in ihren Meßgewändern. Dann kommen acht Männer in schwarzen Anzügen, der "Ehrenordnungsdienst" des Domes. An den sieben Haltestellen des Rundgangs hoch oben hängen sie ein rotsamtenes Tuch, groß wie ein Bettlaken, über die Brüstung und versuchen mit großer Kraft und zwei langen Stöcken zu verhindern, daß der Wind diese prächtige Unterlage hochwirbelt. Darüber lassen hohe und höchste geistliche Herren auf jeder Runde des Ganges eine der vier textilen "Heiligtümer" hängen, die der Aachener Dom seit dem Mittelalter gläubigen Wallfahrern zu bieten hat. Alle sieben Jahre gibt es die "Zeigung der Heiligtümer", die anno domini 1986 mit dem 89. Deutschen Katholikentag zusammenfällt.

Eine Blaskapelle der Musikhochschule Aachen schmettert sakrale Weisen weit über alle Lande. Der Generalvikar und ein Prälat halten in der ersten Runde das beigefarbene Gewand der Mutter Gottes über die Brüstung, "mit dem sie bekleidet gewesen, als sie Christus gebar", wie es in einer mittelalterlichen Chronik heißt. Unten stehen die Menschen Seit an Seit. Die einen singen andachtsvoll, viele mit gefalteten Händen. Andere sind wohl eher verblüfft und befremdet von dieser "Katholikenshow" unter freiem Himmel.

Jetzt präsentiert der Domprobst die zusammengefalteten "Windeln Christi", wie jene Tücher offiziell heißen, in die Jesus in der Krippe eingewickelt war; die gläubige Menge singt "Zu Bethlehem geboren". Dann zeigt der Weihbischof das Leinentuch, in das der Kopf von Johannes dem Täufer gefallen ist, als er enthauptet wurde. "Wir verehren das Zeichen des Zeugnisses für unseren Herrn Jesus Christus", hallt es vom Turm. Unten tragen Sanitäter des Malteser-Hilfsdienstes im Laufschritt eine Trage über den Domhof. Eine alte Dame, die einen Schwächeanfall erlitten hat, ist darauf festgeschnallt. Schließlich hält Bischof Klaus Hemmerle persönlich das "Lendentuch des Herrn" von der Galerie herunter. "Wir verehren das Zeichen der Erlösung für unseren Herrn Jesus Christus." Die Gläubigen singen "O Haupt voll Blut und Wunden".

Eine Stunde später, es ist Sonntagnachmittag um vier und der 89. Deutsche Katholikentag geht nun endgültig zu Ende; stehen sie zu Hunderten in einer langen Reihe vor dem Domeingang, diszipliniert und geduldig in Zehnerreihen. Schweigend und andächtig schieben sie sich voran in das Gotteshaus, wo die Reliquien für die Öffentlichkeit ausgestellt sind, bewacht von Ordensfrauen und dem "Ehrenordnungsdienst". Berühren dürfen die Gläubigen die Heiligtümer, auf deren Echtheit die katholische Kirche übrigens nicht besteht, natürlich nicht. Aber wer die Kraft ihrer Heiligkeit auf sich übertragen lassen will, kann den Nonnen und den Männern in den schwarzen Anzügen seinen Rosenkranz reichen oder sein Kettchen mit dem Kreuz. Die drücken das dann kurz an die Textilien. "Anrühren" heißt das in der Kirchensprache.