Von Horst Bieber

Unter der Woche ist nicht viel los im Taxöldener Forst. Am Ende der langen, schmalen Betonstraße, kurz hinter der Abzweigung, die eine leichte Steigung zum Baugelände der Wiederaufarbeitungsanlage hinaufführt, stehen zwei junge Polizisten. Nein, Weiterfahren bis zum Haupttor ist nicht erlaubt. Drei Autos, mit Kennzeichen aus Berlin, Dortmund und München, parken verloren am Waldrand. Es ist kalt und nieselig, am Marterl vor dem Eingang wird der photographierende Vater gedrängt: "Beeil dich, der Regen geht gleich los." Hinter dem doppelten Bauzaun lärmen Laster und Planierraupen, eine Großbaustelle wie keine andere. Ein kleiner Mannschaftswagen fährt sehr zufällig dem Fußgänger nach, der zur Eisenbahnlinie hinunterläuft und von einem wüsten Guß durchfeuchtet wird. Der Fahrer grinst schadenfroh beim Überholen; Stunden später, als sich Fahrer und Fußgänger zufällig zu einem Gespräch an der Naab treffen, erkundigt sich der junge Beamte besorgt, ob der Regen sehr schlimm gewesen sei. Und ob die Schuhe – ja, es kämen sehr viele, sich den Bauzaun anzuschauen, so sechzig bis achtzig pro Tag, "fast wie Tourismus, kann man ja auch verstehen".

"Mindestens drei Viertel der Bevölkerung im Landkreis Schwandorf sind gegen die Anlage", sagt SPD-Landrat Hans Schuierer. Was, so glaubt er, am 12. Oktober die CSU schon spüren werde; Wahlergebnisse über 60 Prozent, wie sonst in der Oberpfalz gewohnt, seien für sie nun wirklich passé. Auch wenn nur die ganz großen Optimisten unter den WAA-Gegnern damit rechnen, daß Franz Josef Strauß bei den Landtagswahlen die absolute Mehrheit verlieren wird – zwei bis vier Prozentpunkte weniger, also zum dritten Mal bei Landtagswahlen Verluste für den großen Zampano, das müßte doch zu denken, geben. Vielleicht sogar den Thronanwärtern, die sich jetzt noch bedeckt halten.

Nachgedacht, gelegentlich sogar laut, wird in den Reihen der Christlich-Sozialen Union in der Tat. "Denkpause" oder "nichts überstürzen", "die Folgen bedenken" – viele CSU-Funktionäre fühlen sich unwohl in ihrer Haut. Da schwingt viel Taktik mit ("bloß über den Oktober und die Bundestagswahl kommen"), aber auch die Sorge, vom starken Franz Josef ein Projekt zu erben, das einen schwächeren Nachfolger überfordern könnte. Was hat man sich über Ernst Albrecht amüsiert, der vor Gorleben mit der klassischen Formel "technisch machbar, politisch nicht durchsetzbar" kapitulierte. Das wird Strauß nicht passieren, aber die Bauzeit ist bis 1995 veranschlagt. Albrecht kapitulierte ja nicht vor den gewalttätigen Demonstranten, sondern vor dem unerwartet hartnäckigen Widerstand der Bevölkerung. Wiederholt sich, was im "armen Wendland" geschah, nun in der "armen Oberpfalz"? "Erst vergessen, dann vergewaltigt", sagt ein CSU-Stadtrat erbost. Persönlich hat er gar nichts gegen die WAA, "aber der Stil, der Stil".

Das Für und Wider geht quer durch die Parteien. Der Sozialdemokrat Hans Schuierer ist eine Art Symbolfigur des Widerstands geworden, aber im Nachbarort Wackersdorf stimmt die Mehrheit seiner Partei regelmäßig für die WAA, die auf gemeindefreiem Staatsbesitz gebaut wird. Die Zustimmung der CSU wächst mit der Entfernung vom Bauplatz; von den Grünen weiß man zwar, wo sie stehen, aber da hätten selbst die WAA-Gegner lieber einen ordentlichen Gegner; von der FDP wüßt’ man halt gern genauer, ob sie nun für Graf Lambsdorff oder gegen Franz Josef Strauß optiert.

In München hat sich Anfang Juli eine betont überparteiliche Aktion mit dem beziehungsreichen Namen "David gegen Goliath" (DAGG) gebildet. Eine Million Protest-Unterschriften will sie bis Anfang Oktober aus ganz Bayern zusammenbringen; gut hunderttausend waren es Anfang September, "eine Art Volksbefragung vor der Wahl" nennt es der Sprecher Bernhard Fricke. Der Widerstand soll sich artikulieren; ob er politisch etwas bewirken wird, steht dahin. "Die Wähler glauben einfach noch nicht, daß man etwas gegen die CSU durchsetzen kann", umschreibt es – mehr resigniert als zornig – ein Mitglied der rund um den WAA-Standort etwa 12 000 Anhänger zählenden Bürgerinitiative. "Aber langsam wachen sie auf."

Eben damit, so behauptet Landrat Schuierer, habe München nicht gerechnet, die Oberpfalz in hochfahrender Unwissenheit als Franz-Josef-Land verkennend. So lange sich das in Nichtbeachtung dieser nördlichen Provinz äußerte, gab es eine paradoxe Treue, die jetzt aber einen Knacks bekommen hat, keinen sehr großen, das ist Wunschdenken der Opposition, aber doch einen Sprung, der sich erweitern kann. Eben diese Möglichkeit treibt in der Region eine satt, bequem und unbeweglich gewordene Regierungspartei um, die nicht weiß, wie sie ihren eigenen Ängsten entgegentreten soll – Nibelungentreue zur Staatskanzlei oder Wegtauchen?