Amerikanische Marginalien (II)

Um zu den Sternen zu fliegen, um philologische Forschungen zu betreiben, die oft strenger sind als die der weiland dafür berühmten Deutschen, um exotische Märkte zu erobern, um Computer zu erfinden, die wie Hegel räsonieren, muß man den ganzen Tag lang denken und pausenlos arbeiten. Andernfalls wird man entlassen. Doch alles übrige muß in Amerika einfach sein. Der didaktische Ton, der hier jede Information beherrscht, von den Straßenschildern bis zu den Aufschriften auf Arzneimittelpackungen, dient nicht bloß zur Regulierung des Lebens einer Gesellschaft voller Immigranten verschiedenster Zungen und verschiedenster Bräuche, von denen jeder nur über ein elementares Englisch verfügt. Er hat auch damit zu tun, daß hier jeder nur eine Sache gut machen muß, nämlich seinen Job, und alles übrige soll ihm nicht weiter den Kopf belasten.

Gewöhnlich benutzt man in Amerika keine Zahnstocher, da man annimmt, daß die Zahnärzte ihren Job gut machen und niemand Löcher in den Zähnen hat. Bestenfalls kriegt man die praktischen Stäbchen gratis am Ausgang gewisser billiger Luncheonettes. Aber wer sie partout ausprobieren will, kann sie in Apotheken kaufen, hergestellt von der Firma Johnson & Johnson. Sie sind aus Süßholz, man bekommt sie in kleinen Heftchen wie flache Streichhölzer, und sie heißen "stim-udent" oder "interdental stimulators". Auf der Klappe steht, daß die Zahnärzte sie seit vierzig Jahren empfehlen. Dann folgt der Rat: "Tragen Sie sie bei sich, in der Tasche oder im Portemonnaie." Alsdann wird die Funktion erläutert: "Zum Gebrauch nach dem Essen, um die Speisereste zu entfernen." Aber damit nicht genug, der zerstreute Professor oder der soeben eingetroffene Portoricaner könnten noch nicht ganz verstanden haben. Darum folgt die Gebrauchsanweisung: "1) Befeuchten Sie die Stäbchen sorgfältig im Mund. 2) Schieben Sie sie mit dem spitzen Teil zwischen die Zähne, dicht am Gaumen, wie in der beigegebenen Zeichnung verdeutlicht. 3) Bewegen Sie sie sachte vor und zurück, um die Zähne zu reinigen und den Gaumen wieder zu kräftigen. Benutzen Sie sie nach jedem Essen." Ungesagt bleibt, daß man sie mit der Hand halten muß, am dicken Ende gefaßt, und daß man sie nach Gebrauch herausziehen und wegwerfen sollte.

Die andere Welt

Die Discothek in San Diego weist darauf hin, daß der Zutritt für Minderjährige unter sechzehn verboten ist. Wir sind eine Gruppe von Leuten etwa in meinem Alter, die jüngsten haben das vierzigste Lebensjahr überschritten und ein paar silbrige Fäden im Haar. Das Mädchen an der Tür sagt, wir müßten beweisen, daß wir über sechzehn Jahre alt sind. Wir kramen in unseren Brieftaschen, einige ziehen ihren Paß hervor, andere einen Führerschein des Staates New York, aber da schüttelt das Mädchen den Kopf. Das gehe nicht, sie dürfe nur Leute reinlassen, die sich mit der Californian Driving License ausweisen, dem kalifornischen Führerschein. Hören Sie, Miß, sagen wir, einige von uns sind Ausländer, andere kommen von der Ostküste. Die Gute will nichts hören. Sie hält sich nicht nur getreu an die Vorschriften, die sie bekommen hat und deren Beachtung ihr jeden Fehler erspart. Es kommt ihr auch ganz unmöglich vor, daß es andere Ausweisdokumente als die Californian Driving License geben soll (daß es etwas anderes geben soll als Kalifornien).

Eine Sache namens Europa

Eine Freundin von uns, Italienerin, plaudert mit der Kassiererin in einem Supermarkt. Ob man im Michigan-See auch baden kann? Das Mädchen faßt sich an den Kopf. "Well, Madam, ich hab schon davon gehört, daß Sie es in Europa so machen, weil Sie keine Dusche haben, aber es ist verboten, man verschmutzt alles mit der Seife!" Unsere Freundin erklärt: Sie habe nicht gemeint "ein Bad nehmen", sie habe gemeint "darin schwimmen". Das Mädchen beruhigt sich. Jaja, das könne man schon. Mein Gott, was für ein Schreck! Diese Europäer!

Aber schlau sind wir doch

Amerikanische Marginalien (II)

Wir müssen von Chicago nach Evanston fahren, in der Rush-hour. Die Wegweiser schicken uns auf den Freeway 94, also die mautfreie Autobahn. Kurz vor der Einfahrt sehen wir, daß der Freeway total verstopft ist, man kriecht im Fußgängertempo voran, alle Pendler der Zone sind hier versammelt und streben nach Hause in ihre wenige Meilen entfernten Vororte, wo sie frühestens in drei Stunden ankommen werden. Wir entfalten die Karte von Greater Chicago, die zwar komplex, aber lesbar ist, und entdecken, daß man auch über die lange Cicero Ave. nach Evanston fahren kann, am Ende biegt man in die McCormick ein und dann in die Dempster Ave. Nach einer halben Stunde sind wir in Evanston. Wie kommt es, daß wir so schlau sind? Weil uns nicht eingepaukt worden ist, den Instruktionen zu folgen. Den Pendlern ist beigebracht worden, daß man nach Nordosten über den Freeway 94 fährt. Jemand hat für sie die optimale Lösung studiert, man soll nicht auf eigene Faust nach Lösungen suchen, außer man wird in seinem Spezialgebiet dazu ermuntert. Dann und nur dann wird Kreativität hier prämiert, und zwar sehr viel höher als bei uns.

Wir, die Schlauen, sind schneller in Evanston, doch gegen Abend erhält unser Stolz einen Dämpfer, als uns ein amerikanischer Freund mit dem Witz begrüßt: Wißt ihr, wie "Museum" auf italienisch heißt? "Chiuso per restauri": "Wegen Restaurierung geschlossen". Zur selben Zeit kriecht der Direktor des Museums von Chicago noch über den Freeway 94 und denkt nur an die Effizienz seiner Institution.

Aus dem Italienischen übersetzt von Burkhart Kroeber. Copyright: L’Espresso.