Über das Leben in einer "Risikogesellschaft"

/ Von Ulrich Beck

An geschichtlichen Katastrophen war dieses Jahrhundert wahrlich nicht arm: zwei Weltkriege, Auschwitz, Nagasaki, dann Harrisburg und Bhopal, Tschernobyl. Das zwingt zur Behutsamkeit in der Wortwahl und schärft den Blick für die historischen Besonderheiten. Alles Leid, alle Not, alle Gewalt, die Menschen Menschen zugefügt haben, kannte bisher die Kategorie der "anderen" – Juden, Schwarze, Frauen, Asylanten, Dissidenten, Kommunisten zum Beispiel, hinter der die scheinbar Nichtbetroffenen sich zurückziehen konnten. Es ist das Ende der "anderen", das Ende all unserer hochgezüchteten Distanzierungsmöglichkeiten, das mit der atomaren Verseuchung erfahrbar geworden ist. Not läßt sich ausgrenzen, die Gefahren des Atomzeitalters nicht mehr. Darin liegt ihre neuartige kulturelle und politische Kraft. Ihre Gewalt ist die Gewalt der Gefahr, die alle Schutzzonen und Differenzierungen der Moderne aufhebt.

Die Erschütterungen schlagen in alle Bereiche durch: Alltägliche Lebensregeln werden auf den Kopf gestellt. Märkte brechen zusammen. Rechtssysteme fassen die Tatbestände nicht. Naheliegende Fragen ernten Achselzucken. Wissenschaftliche Gebäude wackeln. Wechselwähler laufen weg. Und all dies in einer Welt des blühenden Reichtums, ohne daß die Schädigungen der Menschen irgend etwas mit ihren Leistungen zu tun hätten, und während für unsere Sinne die Wirklichkeit unverändert bleibt. Das ist das Ende des 19. Jahrhunderts, das Ende der klassischen Industriegesellschaft mit ihren Vorstellungen von nationalstaatlicher Souveränität, Fortschrittsautomatik, Klassen, Leistungsprinzip. Dies alles besteht fort und wird doch überlagert durch die Konturen einer noch unbekannten "industriellen Risikogesellschaft", für deren Verständnis hier nach Kategorien gesucht werden soll – in aller Vorläufigkeit und in notgedrungen holzschnittartigen Vereinfachungen.

Auf eine Formel gebracht: Not ist hierarchisch, Smog ist demokratisch. Vor der Luftverschmutzung und Verkehrslärmbelästigung mag es noch Fluchtwege in privilegiertes Wohnen geben; aber Wasser und Boden sind bald überall verschmutzt und nicht nur vor der Atomwolke sind alle gleich. Objektiv entfalten Risiken innerhalb ihrer Reichweite eine egalisierende Wirkung. Darin liegt ihre neuartige politische Kraft. In diesem Sinne sind Risikogesellschaften gerade keine Klassengesellschaften; ihre Konflikte keine Klassenkonflikte.

In vielen Bereichen gilt noch das alte Gesetz: Reichtümer sammeln sich oben, Risiken unten. Doch atomare und chemische Gefahren heben die Kategorien auf, in denen wir bisher gedacht und gehandelt haben: Auch die Reichen und Mächtigen sind vor ihnen nicht sicher. Unter dem Dach von Zivilisationsgefahren kommt es früher oder später zur Einheit von Täter und Opfer. Dieser Effekt kennt viele Erscheinungsformen. Er muß sich nicht nur in direkter Lebensbedrohung, er kann sich auch in Geld, Besitz, Marktanteilen oder Legitimationen niederschlagen.

Ökologisch enteignet