Nach Schewardnadses Besuch in Washington: Ist Daniloff bald frei?

Von Dieter Buhl

Washington, im September

Er erwähnte das Thema nur mit wenigen Sätzen. Aber was Ronald Reagan am Montag vor der UN-Vollversammlung zu sagen hatte, offenbarte aus amerikanischer Sicht das ganze Dilemma, das im Augenblick die Supermacht-Beziehungen überschattet: "Gennadij Sacharow ist ein angeklagter Spion, der vor Gericht gehört. Nicholas Daniloff ist eine unschuldige Geisel, die freigelassen werden sollte." Der Präsident hob die Stimme nicht, als er diesen Standpunkt umriß. Er bestand trotz der festgefahrenen Situation sogar darauf, die Hoffnung auf Frieden und mehr Menschenrechte zu verkünden. Seine Miene jedoch widersprach der Botschaft. Ronald Reagan zeigte sich vor dem Weltforum ungewöhnlich ernst und verschlossen.

Seine Sorgenfalten kommen nicht von ungefähr. Der Präsident, der seinem Volk neues Selbstbewußtsein injizierte und die stolzgeschwellte Brust zur nationalen Haltung erklärte, muß wieder einmal die Grenzen seiner Macht und seines Landes erleben, vielleicht eindringlicher als je zuvor. Der Fall Daniloff hat ihn in große Bedrängnis gebracht. Wie kann er dem amerikanischen Journalisten, für dessen Unschuld er sein Wort verbürgte, zur Rückkehr in die Heimat verhelfen? Soll er die Zukunft der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen, den in Konturen schon sichtbaren zweiten Gipfel vom weiteren Schicksal Daniloffs abhängig machen? Muß er nicht gar den Draht zum Gegenspieler im Kreml kappen, der ihn öffentlich als Lügner hinstellte, dadurch daß er den Korrespondenten mehrfach einen Spion nannte?

Für einen Mann mit Reagans holzschnittartigem Weltbild sind das schmerzhafte Fragen. Hier versagen die Kriterien gut oder böse als Handlungsgebote, hier ist auch mit markigen Worten nicht viel zu erreichen. Politiker aller Schattierungen haben dem Präsidenten das Reagieren zusätzlich erschwert. Demokratische wie republikanische Scharfmacher kreiden ihm an, daß er Gorbatschow zweimal in Sachen Daniloff geschrieben und sich damit erniedrigt habe. Ein Falke wie Carters ehemaliger Sicherheitsberater Brzezinski diagnostiziert gar ein "Augenflackern" der Administration im Nerventest mit den Sowjets. Wo die politischen Machos lautstark und selbstgerecht den Maßstab setzen, blieb Reagan selbst das verheerende Verdikt nicht erspart, er trete hasenfüßiger auf als einst der unglückselige Jimmy Carter.

Der Vergleich ist deshalb besonders bitter, weil sich die Administration in der Daniloff-Affäre um Zurückhaltung und Diskretion bemüht. So wurden die Journalisten beim Treffen der Außenminister Shultz und Schewardnadse Ende vergangener Woche auf ungewohnte Distanz gehalten. Sie bekamen weder die Begrüßungsszenen im siebten Stock des State Departments vor ihre Kameras, noch wurden sie über den Gang der Gespräche informiert. Allein die Anfahrt des sowjetischen Gastes vor dem Außenministerium blieb ihnen als Motiv von diesem wichtigen Treffen. Auch Präsidentensprecher Larry Speakes gab sich zugeknöpfter als je zuvor. Er meldete den Teilnehmern an seiner täglichen Pressekonferenz nur wortkarg, der sowjetische Außenminister sei beim Präsidenten. Das Flackern der Blitzlichter, das Surren der Fernsehkameras im Oval Office, sie waren diesmal nicht erwünscht.