Eine Kabarettistin, von heller Wut inspiriert

Von Cornelie Sonntag

Es dauert nicht lange, bis man mit Hannelore Kaub ins Gespräch kommt. An der Haustür bei der Begrüßung ein forschender Blick aus graublauen Augen unter den Pony-Fransen; dann zieht sie ihren Gast ins Vertrauen. Kaum eine halbe Stunde haben wir miteinander geredet – da drängt es sie, eines ihrer Lieder vorzuführen; ohne Aufforderung, einfach nur, weil es ihr wichtig ist. Sie kauert auf der Fensterbank, wippt mit den Füßen, schließt die Augen, um sich besser konzentrieren zu können. Ein langer Text, rasch und leise gesungen, voller Grimm auf die Verlogenheit der Mächtigen, mit dem, Fazit: „Ich werde immer böser, weil ich verletzbar bin.“ Der Song sei so etwas wie ihr Credo, sagt sie.

Das scheint weder Show noch Lamento zu sein. Man glaubt ihr die helle Wut über die Ereignisse dieser Welt. Wenn sie sich empört, über Aufrüstung oder Ausländerhaß, Bestechungsskandale oder die schlaff gewordenen Rebellen von einst, geschieht das nicht aus kühler Professionalität heraus. Es regt sie wirklich auf.

Fünfzig Jahre ist sie alt, eine Kabarettistin aus der Generation derer, die in den sechziger Jahren ihr politisches Engagement in Satire kleideten, später das Kleinkunsttheater für tot hielten oder aber unverdrossen weitermachten. Hannelore Kaub, Berlinerin, zu Blütezeiten des Heidelberger Studentenkabaretts „Das Bügelbrett“ dessen Motor und Managerin, hat nach zwölfjähriger Pause 1981 an ihr früheres Gewerbe angeknüpft.

Ungewöhnlich für deutsche Kabarettisten ist ihre wirklich kleinbürgerliche Herkunft. Kein bildungsbeflissenes Elternhaus beflügelte sie früh zur literarischen Satire. Kein Bücherschrank stand im heimischen Wohnzimmer. Daß sie überhaupt aufs Gymnasium kam, verdankt sie einer Lehrerin, die sie förderte und ermunterte. Vielleicht stammt aus dieser Erfahrung ihr aufklärerischer Drang, noch heute im Gespräch mit den kleinen Leuten – ob beim Zeitungskiosk, ob beim Friseur – die Zusammenhänge aufzuhellen, Politiker-Floskeln zu entschlüsseln. Ursprünglich wollte sie Dolmetscherin werden, sattelte dann auf ein Wirtschaftsstudium um und kam nach Heidelberg. Bald stieß sie auf das 1959 gegründete Kabarett „Bügelbrett“, 1961 übernahm sie es und feierte in den folgenden Jahren Triumphe. Noch 1969 erhielt sie den Berliner Kunstpreis. Dann aber zog sie sich zurück; vielleicht, weil die Zeiten sich verändert hatten, vor allem aber wegen einer schweren Krankheit. Wie weggetaucht war sie, „verschollen“ nennt sie es selbst, nur für wenige Freunde auffindbar – bis sie, gedrängt von früheren Kollegen, allen voran Sammy Drechsel, den Wiedereinstieg wagte. Ein Neubeginn voller Zagen, Zögern und Fehlschlägen muß es gewesen sein. Aber sie schaffte es.

Nun treten sie in einem schlauchförmigen Berliner Kino am Steinplatz auf, immer zwischen Oktober und Mai, um 21 Uhr, zwischen zwei Film-Vorführungen. Deshalb muß das Programm genau zwei Stunden füllen. An den Wochenenden könnten sie viel mehr Karten verkaufen als die vorhandenen 129 Plätze. Aber von Januar an flaut das Geschäft ab, jedenfalls wochentags. Nein, reich werden kann man damit wirklich nicht, und damit sich die Sache einigermaßen trägt, müssen sie immerhin Eintrittspreise von 12 bis 20 Mark nehmen. Das Publikum? Ganz unterschiedlich. Manchmal viel Junge. Dann wieder „ausgesprochene Szene-Leute und ausgeflippte Kreuzberger“, aber auch die Intellektuellen der 68er-Ära. Und die Truppe um Hannelore Kaub nennt sich immer noch „Bügelbrett“, wie ehedem, als in den frühen 60er Jahren den Heidelberger Studenten der Ruf vorauseilte, das „verrückteste und verruchteste linke Kabarett“ zu machen. „Alles Quatsch“, sagt Hannelore Kaub heute. „Es genügte damals, gegen Adenauer und außerdem antiklerikal zu sein. Ansonsten spießten wir harmlose Dinge auf wie das Mensa-Essen. Was ,links‘ wirklich war, begriffen wir erst in der 68er-Rebellion.“