Der besonderen Gunst ihres Landesherrn erfreuen sich aber nicht nur die Spitzen der Großindustrie, sondern auch erfolgreiche Mittelständler, wie der Ditzinger Werkzeugmaschinen-Fabrikant Berthold Leibinger (Trumpf) oder der mit dem Verkauf von Blumenerde zu Reichtum gelangte Helmut Aurenz. Als langjähriger Späth-Förderer gilt auch der Stuttgarter Elektrowerkzeug-Fabrikant Hans Wolfgang Fein.

In seiner Jagdhütte auf der Alb spielt der im CDU-Wirtschaftsrat aktive Intimus den Gastgeber für eine Runde einflußreicher Männer aus Wirtschaft und Politik, die sich in den siebziger Jahren um den einstigen Daimler-Vorstand und Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer sammelte. Der in unregelmäßigen Abständen tagende Geheimzirkel, dem auch Ex-Flick-Gesellschafter Eberhard von Brauchitsch angehörte, dient der Industrie nicht nur zur Interessenabstimmung mit führenden Unions-Leuten, sondern ebenso zu personalpolitischen Planspielen. Allerdings hat die politische Bedeutung des Männerzirkels in den letzten Jahren spürbar abgenommen.

Für Späths Karriere war es ausgesprochen förderlich, daß die im "Jagdhüttenkreis" aktiven Wirtschaftsführer, allen voran Schleyer, ihn schon Anfang der siebziger Jahre als kommenden Politiker ausgeguckt hatten. So konnte er 1975 seinen Geschäftsführerposten bei der Neuen Heimat Baden-Württemberg mit einem Vorstandssessel in der Stuttgarter Baufirma C. Baresel AG tauschen, an der auch die Familie des CDU-Abgeordneten Jürgen Todenhöfer beteiligt ist.

Doch Späth pflegt auch persönliche Kontakte zu führenden Gewerkschaftern – trotz aller Zerwürfnisse der Bonner Regierungskoalition mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund. Auf dem Höhepunkt des Streits um den Paragraphen 116 des Arbeitsförderungsgesetzes saßen Ernst Breit und seine Vorstandskollegen im Februar einen ganzen Vormittag im Stuttgarter Staatsministerium mit dem Landesvater in Klausur, der die Auseinandersetzung entschärfen wollte.

Viel Geld für die Ausbildung

Was an der Gewerkschaftsbasis geschieht, erfährt Späth in regelmäßigen Zusammenkünften mit Betriebsräten, über die Marschroute der IG Metall hält er sich bei Franz Steinkühler auf dem laufenden. Weil ihn mit dem kampfesfrohen Arbeiterführer eine Duzfreundschaft verbindet, die beide bisweilen demonstrativ bei einem Schoppen pflegen, muß Späth sich bei prinzipienstrengen Unternehmern sogar vor dem Ruf des Opportunisten schützen.

Die betont mittelständische Struktur der Industrie, die Aversion gegen Pomp und aufwendigen Lebensstil – ein bis heute nachwirkendes Erbe pietistischer Lebenseinstellung – und nicht zuletzt der "oben" wie "unten" gesprochene Dialekt lassen die sozialen Unterschiede schrumpfen. In einem Land, in dem der letzte Monarch nicht (wie in Preußen) mit "Majestät", sondern als "Herr Keenig" angeredet wurde, "kommt man", so Fein, "mit Politikern viel leichter ins Gespräch, weil die Hierarchien keine so große Rolle spielen". Fein: "Ich kann zu einem Minister auch mal ‚Kerle‘ sagen."